Von Gisela Dachs

Köln

Unbeeindruckt rekelt sich Hündin Alpha auf seinem Schoß, läßt sich sanft streicheln, während Alphons Silbermann eine fatale Entwicklung ausmacht. Es werde demonstriert gegen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Das bedeute, so bedauert er, daß die Minderheit Juden jetzt wieder zu den Fremden im Land zähle. Die Schuld weist der Soziologe der Regierung zu: "Hätte sie nach den Rostocker Ausschreitungen schnell genug gehandelt, wäre es zu dem Anschlag auf das ehemalige KZ Sachsenhausen vielleicht gar nicht gekommen." Er sagt das bestimmt, aber ohne Aufgeregtheit.

Im Unterschied zu anderen prominenten Juden, die sich über die zunehmende Zahl an Drohungen beklagen, bekommt der 83jährige Professor zwar auch gelegentlich Briefe mit Beschimpfungen, doch das ist schon lange so. Er sitzt deshalb nicht auf gepackten Koffern. Auch daß nach der neuesten Umfrage jeder dritte Bundesbürger findet, Juden treffe an ihrer Verfolgung zumindest eine Mitschuld, erstaunt den Vorurteilsforscher nicht sonderlich. Vor zehn Jahren hatte er eine Untersuchung veröffentlicht, die aufhorchen ließ: Es ging um den relativ hohen Grad an latentem (35 Prozent) und manifestem (15 Prozent) Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung, der bis dahin unter einem Mantel von Betretenheit nur verdeckt worden sei. Ungern gehört wurden die Ergebnisse allerdings nicht nur von der Regierung; auch jüdische Funktionäre versuchten, die Studie mittels "pseudomethodologischer Argumente" zu verharmlosen.

Jetzt hat Alphons Silbermann den Spieß umgedreht und einmal die Haltung der Juden gegenüber Nichtjuden erforscht ("Juden in Westdeutschland, Selbstbild und Fremdbild einer Minorität", Alphons Silbermann, Herbert Sallen; Verlag Wissenschaft und Politik). Die Studie, die noch vor den rechtsradikalen Ausschreitungen der vergangenen Monate abgeschlossen wurde, ergab, daß nahezu ein Drittel der befragten Juden meinten, die antisemitischen Tendenzen würden weiter ansteigen. Mehr als 45 Prozent sehen die Demokratie in der Bundesrepublik durch den wachsenden Rechtsextremismus als "stark gefährdet" an.

Ein Viertel der 18- bis 24jährigen Juden in den alten Bundesländern fühlt sich "persönlich bedroht". Diese Ängste der Jüngeren seien aber nicht durch eigene Erfahrungen von Diskriminierung begründet, lautet Alphons Silbermanns Analyse, sondern "durch die traumatische Weitergabe der Vernichtungserfahrung innerhalb der Familien". Drei Viertel der Befragten halten die Maßnahmen der Bundesregierung gegen den Rechtsradikalismus für unzureichend. Das war, noch ehe die ersten Flüchtlingsheime brannten.

Die Welle der Gewalt bewertet Alphons Silbermann mit der Zurückhaltung eines Wissenschaftlers, der lieber Ergebnisse bewertet, als über Ungewißheiten spekuliert. Aus seiner Sicht handelt es sich um "Rabaukentum", nicht um Ausländerfeindlichkeit a priori. Die Motivationen der Täter, etwa das Bedürfnis, "mediengerecht" zu sein, müßten noch untersucht werden. Gefährlich werde es erst, wenn diese Jugendlichen in die Fänge von Berufsideologen geraten.