Von Hansjakob Stehle

Mag sein, daß Friedhöfe der beste Ort sind, auch über Ungeheuerliches Gras wachsen zu lassen. Aber gilt das auch dort, wo Soldaten als Kriegsopfer begraben sind und mitten unter ihnen Kriegsverbrecher?

Für eine gewisse Art bürokratischen Denkens ist das gar keine Frage; es fühlt sich allenfalls belästigt und wittert "Politik", wo für normales Empfinden ein moralischer Nerv getroffen wird. So war es im Fall des deutschen Soldatenfriedhofs von Costermano bei Verona, wo unter fast 22 000 Toten auch drei SS-Verbrecher, darunter der Erfinder der KZ-Gaskammern, Christian Wirth, begraben sind, mit Rang und Namen in den Stein gemeißelt und im "Ehrenbuch" verzeichnet... (ZEIT Nr. 46/1991)

Die Namen zu entfernen, die Gräber praktisch einzuebnen, um so die Peinlichkeit zu beenden – vor dieser einfachsten Lösung drücken sich seit Jahren die Verantwortlichen: der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) und die Bundesregierung – "die sich weiterhin von der Haltung des Volksbundes in dieser Frage leiten läßt", wie es der Staatsminister Schäfer vom Auswärtigen Amt an den Bundestagsabgeordneten Siegfried Vergin schrieb, der den Skandal immer wieder anprangerte. Einem ebenso empörten VDK-Mitglied, dem früheren Bielefelder Oberbürgermeister Hinnendahl, antwortete VDK-Präsident Hans Otto Weber am 24. Januar 1992 buchstäblich: "Unzweifelhaft sind die drei Kriegsverbrecher als Soldaten gefallen" (was historisch nicht erwiesen ist), aber eine Soldaten-,,Ausbettung" (die gar nicht nötig wäre) sei "indiskutabel". Tote könne man doch nicht entnazifizieren.

Daß es darum gar nicht geht, dämmerte langsam auch der Kasseler VDK-Zentrale und dem Bonner Auswärtigen Amt. Ende vergangenen Jahres erwog man, sich aus der Affäre zu ziehen – mit Hilfe einer Bronzetafel. Ihre Inschrift sollte einen "klaren Trennungsstrich zwischen Tätern und Opfern" ziehen, so beteuerte Staatsminister Schäfer. Am Volkstrauertag 1991 wurde vom neuen deutschen Generalkonsul in Mailand, Michael Engelhard, das Tafel-Alibi nur angekündigt, freilich unüberhörbar. Der 56jährige Diplomat, bis dahin im Bundespräsidialamt tätig, über-" raschte bei der alljährlichen Trauerfeier auf dem Costermano-Friedhof durch unverblümte Sätze. Voll Trauer und "hilflosen Zorns", wie er selbst sagte, sprach er von den Gefallenen:

"Dieser Krieg, in dem sie starben, machte ihr Vaterland zu einem der gehaßtesten der Erde ... Sie mußten sterben, damit Juden gemordet werden konnten. Alle dreißig bis vierzig Millionen Toten dieses Krieges – die deutschen, die italienischen und alle anderen – sind letztlich Opfer des Judenhasses ... An diesen Gräbern ziemt uns die Klage mehr als die Ehrensalven ... ‚Nie wieder Krieg‘ – das ist ein richtiges Wort, aber wir Deutschen dürfen es dabei nicht belassen, wir müssen hinzufügen: nie wieder Haß auf andere Völker, nie wieder ‚Ausländer raus!‘ ... Jede dieser schmachvollen Parolen, die heute in meinem Land zu hören sind, stößt unsere Toten in den dunklen Abgrund der Sinnlosigkeit zurück ... Warum sage ich das alles? Um der Reinheit unserer Trauer willen. Denn auf diesem Friedhof sind auch einige Menschen begraben, die zu den Henkern zählen. Es ist die Saat jenes Ungeistes, dem sie dienten, die heute in Deutschland wieder giftige Blüten treibt... Mit diesem Ungeist darf kein Friede sein. Zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit ist keine Versöhnung möglich. Wenn wir diese Trennungslinie, in Deutschland und hier auf diesem Friedhof, nicht ziehen, dann sollten wir uns die Trauerfeiern auf deutschen Soldatenfriedhöfen sparen. Dann sind sie Lüge und nichts als Lüge, an der ich keinen Anteil zu haben wünsche ..."

Ahnte oder wußte Generalkonsul Engelhard schon, wie blaß, verschwommen und diplomatisch der "Trennungsstrich" gezogen werden würde? Der damalige deutsche Botschafter in Rom, Friedrich Ruth, formulierte den Text der Tafel die ein halbes Jahr später, am 9. Mai 1992, zum 25. Gründungstag des Costermano-Friedhofes, enthüllt wurde: