Von Günter Frankenberg

Ein Nordamerikaner, der vor etwa 200 Jahren vor der Küste Afrikas Schiffbruch erlitt, konnte dort, mit etwas Glück, ein Stammeshäuptling werden. Im umgekehrten Fall eröffnete sich dem Afrikaner in Virginia die Karriere eines Sklaven. Bei entsprechender Qualifikation konnte es ein Ausländer in der k.u.k. Armee bis zum General bringen. Bei entsprechender Qualifikation kommt ein Ausländer hier und heute als Mittelstürmer zum Schuß; nicht in der Nationalelf, versteht sich. In einfachen Gesellschaften, wie man sie hartnäckig nennt, stand selbst der ungebetene Gast unter dem besonderen Schutz Gottes, des "Freundes der Fremdlinge": "Bedenkt, daß wir in Ägypten Fremde waren", mahnt das Alte Testament. 1983 liest sich das bei einem deutschen Staatsrechtler so: "Der Fremde ist eine archetypische Figur, er ist ursprünglich rechtlos." Wir sollen uns also kein Gewissen draus machen, daß der Fremde, obwohl zur Arbeit angeworben, ein Gast ohne politische Rechte bleibt. Ohne göttliche Protektion, drinnen vor der Tür. Wer ehedem floh, war Flüchtling und gehörte zum "Haus", mit allen Vor- und Nachteilen. Heute heißt er Asylant, Mitesser am Tisch der vergleichsweise Wohlhabenden. Er unterliegt der Lagerhaltung und trifft, mit mehr als reichlich Glück, Hans Magnus Enzensberger im Abteil des Intercity.

Wer oder was hat sich geändert? Wir, der Fremde oder die Welt? Im Zweifel alle drei. Von der Welt heißt es, sie sei ein "global village". Über uns wird gesagt, wir seien auf dem Weg zur Weltgesellschaft, jedenfalls über den Nationalstaat hinaus nach Europa. Und der Fremde, obwohl er meist im Plural auftritt, ist und bleibt wie eh und je, nach der unvergleichlichen Definition des Soziologen Georg Simmel, "der Wanderer, der heute kommt und morgen bleibt". Und, wenn wir ihn recht abschrecken, übermorgen geht.

Apropos Recht: Nimmt es den Fremden an und auf? Wie richtet es ihn zu? Zivilisiert es, was doch sein Anspruch ist, das Verhältnis des Eigenen zum Fremden? Sehen wir uns das deutsche Fremdenrecht an.

Der Fremde ist "der Wanderer, der heute kommt und morgen bleibt".

Der Fremde?

Zunächst einmal, belehrt uns das Grundgesetz, gibt es Deutsche und sonstige Deutsche. Die Nichtdeutschen, ist zu vermuten, verstehen sich von selbst. Die vielen, nahezu ein Drittel der Bevölkerung, die nach 1945 die bundesdeutsche Grenze zum Zwecke der dauerhaften Niederlassung überquerten, sind nicht per se Staats-Fremde, sondern zum allergrößten Teil Um-, Über- und Aussiedler, die immer schon die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, kontrafaktisch, versteht sich, oder diese erhalten, wenn sie nachweisen, sich immer schon, notfalls in russischer Sprache, zum deutschen Volkstum bekannt zu haben. Um Fremdheit nicht anerkennen zu müssen, um nicht eingestehen zu müssen: "Deutschland ist weder Amerika noch Australien, aber dennoch ein Einwanderungsland", wird die deutsche Heimat bis nach Sibirien ausgedehnt. Wir sind uns selbst genug. Wir brauchen keine Fremden.