Von Marc Surminski

Hin nach Texas, hin nach Texas, Wo der Stern im blauen Felde Eine neue Welt verkündet, Jedes Herz für Recht und Freiheit Und für Wahrheit froh entzündet – Dahin sehnt mein Herz sich ganz.

Hin nach Texas! hin nach Texas! Goldner Stern, du bist der Bote Unsers neuen schönren Lebens: Denn was freie Herzen hoffen, Hofften sie noch nie vergebens. Sei gegrüßt, du goldner Stern!

Hoffmann von Fallersleben hat nicht nur das „Deutschlandlied“ geschrieben. 1845 veröffentlichte der patriotische Dichter eine Sammlung von „Texasliedern“ – wenn „Recht und Freiheit“ in Deutschland nicht zu verwirklichen waren, so konnte man doch wenigstens von der Freiheit jenseits des Atlantiks schwärmen – unter dem „Stern von Texas“, so der Titel des Gedichts.

Fallerslebens Lieder markierten den Höhepunkt einer stürmischen Texasbegeisterung in der deutschen Öffentlichkeit. Seit dem Unabhängigkeitskrieg der Texaner gegen Mexiko 1836 feierten deutsche Demokraten das Land mit dem einsamen Stern in der Flagge als „Boten unsers neuen, schönren Lebens“. Die Siedler in der Prärie hatten vollbracht, wovon viele deutsche Oppositionelle im Vormärz immer träumten: aus eigener Kraft die Fesseln eines repressiven Regimes zu zerreißen und eine Demokratie zu gründen.

Der vielgelesene Romanautor Charles Sealsfield, der eigentlich Karl Postl hieß und aus einem österreichischen Kloster davongelaufen war, zeichnete 1845 in seinem „Kajütenbuch“ aus eigener Anschauung das farbenprächtige Bild einer freien Gesellschaft von wagemutigen Siedlern und Abenteurern. Hermann Ehrenberg schilderte in seinen Texasromanen das Land als „den herrlichen Park, das Eldorado“, wo „der Landmann, ein König auf seinem eigenen Boden, nicht mit den Herrschern Europas tauschen würde“.

Es ist kein Wunder, daß schnell diejenigen auf das so gepriesene Land aufmerksam wurden, die es wirklich wagen wollten, die bedrückenden Zustände in Deutschland gegen ein besseres Leben in Übersee zu vertauschen: die Auswanderer. Der Pauperismus, das Massenelend breiter bäuerlicher und kleinbürgerlicher Schichten, hervorgerufen durch Überbevölkerung, Mißernten und die Rückständigkeit der Industrialisierung, ließ seit Mitte der 1830er Jahre die Auswanderung vor allem nach Amerika stark anwachsen. Fast 500 000 Deutsche segelten zwischen 1840 und 1850 in die Neue Welt. Texas, das „Eldorado“, wurde in dieser Zeit neben den Vereinigten Staaten zu einem der populärsten Zielländer.