Von Wolfgang Zank

Über dem Parteitag lag eine verhaltene Stimmung. Nüchtern skizzierte Gro Harlem Brundtland, Norwegens Premierministerin und Vorsitzende der regierenden Arbeiterpartei, die schwierigen Bedingungen, unter denen sich heutzutage noch sozialdemokratische Politik verwirklichen ließe: "Die Produkte strömen über die Landesgrenzen. Dasselbe tun Arbeitsplätze, Kapital und Umwelt-Emissionen. Die einzige Möglichkeit, diese Prozesse zu regulieren und zu kontrollieren, besteht in einer internationalen Kooperation. Die Europäische Gemeinschaft ist diesbezüglich die einzig realistische Alternative."

Die meisten Delegierten sahen es ähnlich, doch Begeisterung rief die Perspektive nicht hervor. Erwartungsgemäß billigte die Kongreßmehrheit zwar einen Antrag, die Regierung solle möglichst bald mit der EG über die Aufnahme verhandeln, aber die Arbeiterpartei ist in dieser Frage gespalten.

Das übliche Gemurmel im Saal verstummte, als Rune Gerhardsen, der Vorsitzende der Osloer Stadtregierung und profilierter Vertreter des linken Flügels, ans Podium trat und ruhig ins Mikrophon sprach: "Eine Nation ist nicht nur eine Ansammlung von Menschen. Sie ist eine Gemeinschaft, eine kollektive Identität, die eine enorme Kraft gibt. Nur die Arbeiterpartei kann die Kraft, welche diese Identität gibt, verwalten." Er sagte es nicht, aber jeder wußte, was er meinte: Die Arbeiterpartei und Norwegen werden diese Kraft verlieren, sollten sie der Regierung auf dem Weg nach Brüssel folgen.

Am vergangenen Freitag abend erklärte Gro Harlem Brundtland völlig überraschend ihren Rücktritt als Parteivorsitzende – nicht als Regierungschefin. Sie hätte nicht mehr Kraft für beide Ämter, müsse mehr Zeit für ihre Familie reservieren. Jeder wußte, daß ihr Sohn vor einigen Wochen Selbstmord begangen hatte. Weinend ging sie vom Podium. Als Gro Harlem Brundtland nach einiger Zeit wieder den Saal betrat, wurde sie mit starkem, warmen Beifall begrüßt. Zwei Tage später wählten die Delegierten den 42jährigen Thorbjørn Hagland zu ihrem Nachfolger.

Vor einigen Monaten mögen einige Politiker der Arbeiterpartei noch gehofft haben, der Parteitag werde zu einer Art Fanfarenstoß werden, der für Norwegen das EG-Zeitalter einleiten könnte. Statt dessen geriet der Kongreß zu einer Veranstaltung in Moll. Umfragen prognostizieren der Arbeiterpartei gegenwärtig nur noch 25 Prozent der Stimmen. Vor zwei Jahren waren es mehr als 40 gewesen. Und was eine EG-Mitgliedschaft betrifft, so zeigte jede Umfrage der vergangenen Monate steigende Nein-Werte. In der vergangenen Woche schließlich sprachen sich 54 der Norweger gegen und nur noch 29 Prozent für einen Beitritt aus. Vor diesem Hintergrund hat der unbeirrte Beitrittskurs der Parteiführung etwas Unwirkliches. Die traditionsreiche Arbeiterpartei scheint mit wehender Flagge in den Untergang segeln zu wollen. Die Bedenken gegen die EG haben verschiedene Ursachen. Am wichtigsten ist wohl die Fischereipolitik. Viele Kommunen im nördlichen Norwegen sind vom Fischfang abhängig. Den meisten Norwegern graust bei der Vorstellung, Eurokraten in Brüssel könnten Fangquoten für ihre Gewässer verteilen, woraufhin dann spanische Trawlerflotten die Barentssee leer fischen. Fischereiminister Jan Henry T. Olsen, Repräsentant der Fischer aus Tromsö und erklärter EG-Skeptiker, sitzt als Aufpasser im Osloer Kabinett. Nur wenn er das Verhandlungsergebnis akzeptieren kann, wird ein Aufnahmevertrag politisch überhaupt eine Chance haben.

Die meisten Bauern können im kargen Norwegen nur dank Subvention überleben – ganz gut sogar, denn in den vergangenen Jahrzehnten war ihnen vom Staat eine Einkommensentwicklung entsprechend derjenigen der Industriearbeiter garantiert worden. Eine strikte Anwendung der EG-Regelungen würde dagegen Tausende von ihnen ruinieren. Viele Frauen befürchten überdies, daß im Zuge der EG-Steuerangleichungen der norwegische Wohlfahrtsstaat untergraben würde; gerade Fortschritte bei der Emanzipation hingen von ausreichenden Kindergarten-, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst ab. Linkssozialisten sehen die EG vornehmlich als Planierraupe für die freie Fahrt des Kapitals.