Von Klaus Hartung

Berlin

Ein strahlender, kalter Novembernachmittag, dieser 8. November – Berlin und die Republik erlebten einen Massenaufbruch und dann einen Tag mit Schritt für Schritt sinkender politischer Stimmung. Die S-Bahn-Züge waren schon frühzeitig überfüllt, ganze Schulklassen aus dem Berliner Westen machten sich auf den Weg zur Ostberliner Gethsemane-Kirche, in Rap-Klamotten, mit Rasta-Locken, die 68er-Lehrer in der Mitte. Nicht das andere Deutschland präsentierte sich, es kam die linksliberale Massenbasis: entspannte Alltagsgespräche, die Demonstration fast als eine Familienangelegenheit. Aber wenn der Zug über sich selbst redete, dann überwog doch Kritik und Unbehagen an dem van oben verordneten Minimalkonsens: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Katarakte von Menschen in den labyrinthischen Treppengängen des Bahnhofs Alexanderplatz, wie vor drei Jahren, als die Mauer fiel. Nur ein einziger Neonazi, mit Odal-Rune und schwarzem Schäferhund, hatte sich an einer Tunnelbiegung postiert und zischte leise: "Euch werden wir zusammenschlagen." Niemand hörte hin.

In der Schönhauser Allee, der Hauptstraße des Prenzlauer Bergs, setzte sich der Demonstrationszug – ein zweiter ging vom Westberliner Wittenbergplatz aus – in Bewegung. Da grüßte die "SPD-Mainz Bingen", der FDP-Block, die ÖTV. Die PDS trug ihr Anliegen "Keine Ausgrenzung von Ausländern und Linken" vor, die "CDU-Oberlausitz" betonte, sie "achtet jeden Menschen, ob Deutscher oder Ausländer". Dazwischen tauchten Schilder mit Kinderzeichnungen auf. Der PDS-Block sang zeitverloren "Spaniens Himmel, Deine Sterne". Und aus einem besetzten Haus schallten die vertrauten Klänge der "Ton-Steine-Scherben" – als ob im Zeitraffer noch einmal die Demonstrationsgeschichte der letzten Jahrzehnte hüben und drüben vorbeiglitt.

Aber der Oberton war Kritik, witzige, aggressive, auch blinde Kritik: "Multi-Kulti statt Bayerisch Kraut", "Deutsche, kauft nur deutsche Bananen", "Politiker heucheln Betroffenheit", "Es müht sich der Weizensack zu tarnen das Faschistenpack". Die auf- und abschwellenden Trillerpfeifen und "Heuchler, Heuchler"-Rufe begleiteten den Zug. Zum Blickfang geriet ein riesiger Pappmaché-Drache – die politische Klasse, die mit ihren Zähnen auch die Grünen aufgespießt hatte. Davor sah man Stelzenläufer mit "Artikel 16" als Kopfschmuck. Diese Gruppe drängte sich – begleitet vom Lautsprecherton: "Der Artikel 16 muß ganz nach vorn", oder: "Hier kommt der Verfassungsschutz von unten" – immer wieder nach vorn, zur Prominentenspitze.

Aber nicht nur sie, auch das Demonstrationsvolk selbst schob sich in die dichten Reihen von Richard von Weizsäcker und Thomas Gottschalk, von Björn Engholm und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, der in voller Uniform mitmarschierte. Noch nie hatten so viele Prominente so viel Bürgernähe der körperlichen Art gespürt. Rita Süssmuth mußte gar von ihrem Begleitschutz ermahnt werden: "Frau Präsidentin, Sie können doch nicht immer neben diesem Autonomen-Block gehen."