Von Fritz Vorholz

Da ist es – das Buch, von dem sein Autor sagt, er würde die Worte wohl etwas vorsichtiger gewählt haben, hätte er gewußt, daß er sich um das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten bewerben würde. Zum Glück wußte er es nicht, als er sich aufmachte, fast 400 Seiten darüber zu schreiben, wie die Menschheit, voran sein Heimatland Amerika, einen "beispiellosen Angriff auf die Natur" inszeniert – und was dagegen zu unternehmen wäre: zum Beispiel, Autos mit klimaschädlichen Verbrennungsmotoren abzuschaffen, und zwar nicht irgendwann, sondern binnen 25 Jahren; oder dem Trugschluß zu begegnen, "die Kernenergie sei der Schlüssel zur Lösung des Problems der globalen Erwärmung"; oder dafür einzutreten, die Regeln des Welthandels "jetzt schnellstens" so abzuwandeln, "daß sie den Umweltschutz begünstigen". Weiß der neugewählte Präsident Bill Clinton eigentlich, wen er da ins Weiße Haus mitnimmt?

Die Amerikaner hatten die Gelegenheit, sich mit den Botschaften von Al Gore schon seit einem guten halben Jahr zu beschäftigen. 250 000mal haben sie das Buch gekauft und schließlich trotz aller "schrecklichen Wahrheiten" das Gespann Clinton/Gore zum neuen politischen Führungsduo gewählt. Nun erscheint das Buch auch in deutscher Sprache: Es ist Pflichtlektüre für alle, die in Zukunft kompetent die amerikanische Politik beurteilen wollen, also beispielsweise auch für Kanzler Helmut Kohl, der sich mit seinem Credo zur Bewahrung der Schöpfung bisher allzu bequem aus der Verantwortung stahl, anstatt sich mit der ökologischen Blockadepolitik des scheidenden US-Präsidenten George Bush anzulegen, jener "Verzögerungspolitik mit schrecklichen moralischen Konsequenzen" (Gore).

Doch es geht um mehr als um die traditionelle Umweltpolitik. Umweltschutz, das ist immer noch jene Abteilung im politischen System, die sich um die häßliche Kehrseite der Zivilisation zu kümmern hat: um Müll, um Abgase, um Schmutzwasser – ein Organisationsprinzip, das der Ökologie die Rolle des Hasen zuweist, der vergeblich dem Igel nachzujagen sucht, während der immer neue Umweltdesaster anzettelt. Soll es um mehr als um solches Krisenmanagement gehen, muß der Öko-Gedanke im Denken und Handeln auch neu verankert werden, nämlich als "zentrales Organisationsprinzip unserer Zivilisation".

Genau das ist Gores Botschaft: In der Bildungspolitik, in der Wirtschaftspolitik, in der Außenpolitik, in der Agrarpolitik, in der Entwicklungspolitik – überall muß Bestreben zur Rettung des Planeten im Vordergrund stehen. Das ist zwar keine neue Erkenntnis – Öko-Forscher wissen schon seit langem, daß der Querschnittscharakter der Umweltpolitik alles andere zur Stümperei werden läßt –, doch politisch ist sie bisher folgenlos geblieben. Deshalb ist das Bekenntnis des gerade gewählten amerikanischen Vizepräsidenten von unschätzbarem Wert.

Meint der Mann das wirklich ernst? Ganz und gar: "Jedesmal, wenn ich innehalte, um darüber nachzudenken, ob ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, betrachte ich die neuen Fakten, die aus der ganzen Welt auf mich eindringen, und komme zu dem Schluß, daß ich nicht annähernd weit genug gegangen bin."

Al Gore, aufgewachsen zwischen den Fluren des Washingtoner "Fairfax Hotels" und den Agrarplantagen in Tennessee, erhielt seine erste Lektion in Sachen Umweltschutz bereits als Kind auf der elterlichen Farm: Er beobachtete, wie der Regen Rinnsale in die Felder grub und fruchtbaren Boden fortschwemmte. Rachel Carsons Klassiker Der stumme Frühling schärfte sein Bewußtsein für die weniger gut sichtbaren Umweltgefahren. Als Student begegnete er schließlich dem Atmosphärenforscher Roger Revelle, von dem der oft zitierte Satz stammt: "Die Menschen führen ein langfristiges geophysikalisches Experiment einer Art aus, das in der Vergangenheit nicht möglich gewesen wäre und in der Zukunft nicht wiederholbar sein wird." Seit jener Zeit ist für Gore der Treibhauseffekt das zentrale Thema. Doch als er sich 1987 dazu entschloß, für die Präsidentschaft zu kandidieren, mußte er erkennen, daß die Reporter und das Wahlvolk an Umweltthemen wenig interessiert varen – in seiner Standard-Wahlrede, bekennt er, spielte er das Thema deshalb herunter.