Ganze Heerscharen von ZEIT-Lesern haben nach der Quelle gesucht, die bestätigt hätte, daß Kant bei seinem 50. Geburtstag vom Rektor oder Festredner der Universität Königsberg als "Greis" apostrophiert wurde. Kant stimmt; Greis stimmt; fünfzigjährig stimmt. Aber dennoch stimmt offenbar alles nicht so ganz. 99 Prozent Wahrscheinlichkeit sprechen dafür, daß der Bonner Internist Joachim Jahnecke recht hat und daß die Fahndung daher als beendet erklärt werden kann. Leo

Professor Jahnecke schreibt:

"Neben dem immer wieder falsch interpretierten Zitat ‚mens sana in corpore sano‘ als angeblicher Beweis dafür, daß in einem gesunden Leib auch eine gesunde Seele wohne, spukt in Bildungsbürgerkreisen fast ebenso häufig auch der ‚fünfzigjährige Greis‘ Immanuel Kant umher. Ein großartiges Zitat, das jeden Geburtstagsfestredner als hoch gebildet ausweist! Leider hat es ganz offenbar den Schönheitsfehler, ein falsches Zitat zu sein. Dies schrieb mir vor zehn Jahren die inzwischen verstorbene Leiterin der Abteilung für Kant-Forschung (zugleich Geschäftsstelle der Kant-Gesellschaft) am Philosophischen Seminar A der Universität Bonn, Frau Professor Ingeborg Heidemann.

Es gibt nichts, was von, an und über Kant geschrieben und was von, über und zu Kant gesagt wurde, das sich nicht in der Bibliothek der damals von ihr geleiteten Abteilung für Kant-Forschung finden läßt. Im Zusammenhang mit seinem 50. Geburtstag ist nirgends ein ‚ehrwürdiger Greis‘ zu finden! Der Greis taucht erstmals im Zusammenhang mit dem 50. Schriftstellerjahr auf, das seinerzeit bei Gelehrten immer sehr feierlich begangen wurde. Aus diesem Anlaß bekam Kant im Juni 1797 im Rahmen eines großen Festaktes (sein erstes Werk hat in der Vorrede das Datum 1747, auf dem Titelblatt 1746, erschienen ist es 1749) von Studenten der Universität Königsberg nach einer erhalten gebliebenen Festrede des Grafen Heinrich Lehndorff ein ‚wohlverfaßtes Gedicht‘ überreicht, in dem der damals mit 73 Jahren älteste noch aktive Lehrer der Universität als ,weiser Greis‘ angesprochen wurde.

Lenin wird häufig die Formel ‚Vertrauen gut – Kontrolle besser‘ in den Mund gelegt. In Wirklichkeit ist das ein uraltes russisches Sprichwort, das weit vor Lenin von Moskau bis Wladiwostok gebraucht wurde. Es paßt aber offenbar ganz gut zu Lenin. Lassen wir dem fünfzigjährigen Kant ruhig auch den ‚ehrwürdigen Greis‘!

Vielleicht findet doch noch jemand die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit heraus, denn sicher wird weiter nach dem ehrwürdigen Greis genauso intensiv gesucht wie nach dem Yeti, nach Nessie oder nach den Außerirdischen. Unser Leben wäre ärmer, wenn wir alle uns nur um Wichtiges kümmern würden."