Von Lutz Reidt

Deutschlands größtem Raubvogel, dem Seeadler, geht es wieder gut. Ornithologen zählen inzwischen in der Bundesrepublik rund 190 Brutpaare (siehe Karte). In dem nahezu geschlossenen Verbreitungsgebiet von der sächsischen Lausitz bis nach Schleswig-Holstein bildet Mecklenburg-Vorpommern das Kernland der Seeadler. Dort haben in den vergangenen Jahren rund dreimal soviel flügge Jungvögel die Nester verlassen als noch vor zwanzig Jahren. Kamen damals pro hundert Brutpaare und Jahr etwa zwanzig Jungadler hoch, sind es inzwischen mehr als sechzig.

Vor zwei bis drei Jahrzehnten waren Umweltgifte wie DDT und Quecksilber das Hauptproblem des Adlerschutzes. Heute müssen die Greife vor allem vor ihren menschlichen Freunden geschützt werden. Kurioserweise werden sie weniger von den in großen Scharen anreisenden Adlertouristen gestört als vielmehr von Hobbyornithologen und Photographen, die besonders nahe an die brütenden Tiere heranschleichen und sie dabei aufscheuchen.

Nicht immer hatten die Adler so viele menschliche Freunde. "Jeder Wicht, der nur einen Schießprügel haben darf", klagte der mecklenburgische Adlerforscher Carl Wüstnei bereits 1907, "glaubt das Recht zu haben, seinen Mitmenschen den Anblick eines solch königlichen Vogels entziehen zu dürfen." Damals rückte man dem Seeadler als vermeintlichem Schädling mit Gift und Blei zu Leibe. Für jeden getöteten Adler winkte eine stattliche Prämie. Um die Jahrhundertwende existierten nur noch kleine Restbestände in Mecklenburg, Brandenburg und Pommern.

Ein Sinneswandel setzte erst in den zwanziger Jahren ein. Die Seeadler wurden unter Schutz gestellt und konnten sich langsam wieder ausbreiten, so daß nach dem Zweiten Weltkrieg die Greife auch wieder an den holsteinischen Seen auftauchten. Doch in den sechziger und siebziger Jahren blieben dann rund drei Viertel der Adlerpaare ohne Nachwuchs. Schuld daran war vor allem das in großen Mengen verwendete Insektengift DDT, das sich in der Nahrungskette anreichert. Ein bestimmtes Abbauprodukt des DDT bewirkte, daß die Schalen der Adlereier zu dünn blieben und beim Brüten zerbrachen.

Zwar durften die Landwirte in der DDR dieses Insektizid ab 1976 (zumindest offiziell) nicht mehr nutzen, doch aus der Forstwirtschaft verschwand es erst spät in den achtziger Jahren. Erhebliche Mengen DDT wurden aus der Luft über den Forsten versprüht, etwa zur Bekämpfung der Nonne, einem gefürchteten Schädling von Nadelbäumen. "Deswegen finden wir auch heute noch Eischalen, die dünner sind als bei normalen Eiern", sagt der Biologe Günter Oehme von der Pädagogischen Hochschule in Halle an der Saale, ein anerkannter Fachmann.

Oehme fand bei seinen Verhaltensstudien heraus, daß die Nahrungswahl des Seeadlers starken jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt. "Fische spielen erst ab Beginn der Brutzeit, wenn das Eis die Gewässer allmählich wieder freigibt, eine größere Rolle." Damit korrigiert er eine weit verbreitete Vorstellung. "Im Herbst, wenn die Fische nicht mehr so nah an der Oberfläche schwimmen, geht der Seeadler verstärkt über auf Wasservögel wie Bleßhühner, Haubentaucher oder Enten. Im Winter dann ergänzt er seine Nahrung durch Säugetiere, meistens in Form von Aas."