Von Anna von Münchhausen

In kleinen Gesten war Sotheby’s immer schon groß: Posthörner zieren das Innenblatt des burgunderroten Auktionskatalogs, und mit forstgrünem Filz wurden die Vitrinen für das große Funkeln ausgeschlagen. Was will man mehr an diskreter Symbolik für eine Familie, die das Postmonopol reich gemacht hat und die den größten Waldbesitz in Europa (28 000 Hektar) ihr eigen nennt?

Mitten im Herbst leuchtete München. Neun kleine, millionenschwer gefüllte Vitrinen zogen Hunderte zur Vorbesichtigung am Odeonsplatz Nummer 16, in der Mehrzahl Damen in solidem Loden. Nur wenige darunter erweckten den Eindruck, ernsthaft mitbieten zu wollen, wenn am 17. November in zwei Genfer Hotels unter den Hammer kommt, was das Auktionshaus, taktisch klug untertreibend, "auserlesene Stücke der fürstlichen Sammlung Thurn und Taxis" nennt.

"Mei, die Perlen, so matt", wundert sich eine Besucherin. "Die sind wohl gar nicht mehr getragen worden?" Das Stimmengemurmel verstummt, als ein junger Angestellter mit vollendeter Gelassenheit die weißen Lederhandschuhe überstreift, um Los Nummer 144, eine für Friedrich den Großen von J. G. George Krüger etwa 1770 entworfene edelsteinverkrustete Tabatiere, aus der Vitrine zu holen und einer Interessentin zu erläutern. Zehn Zentimeter breit ist das Döschen gerade und doch mit Abstand das Kostbarste im Angebot: generös geschätzt auf zwei bis drei Millionen Schweizer Franken.

Mögen die Waldburg-Zeils, die Fürstenbergs, Fincks und andere Gutbetuchte verschwiegener mit ihrem Vermögen operieren: Die Familie Thurn und Taxis (von Neidern gern als Thut und Tatnix apostrophiert) hat es verstanden, über 500 Jahre hinweg das ihre auch in schmaleren Zeiten zusammenzuhalten. "Ein altes Vermögen kann man nicht versaufen oder verhuren, man kann es nur verdummen": Unter dieser Devise erklärte der 1990 verstorbene Fürst Johannes gern, was ihm zu tun gegeben sei.

Seine Witwe, die 32jährige Fürstin Gloria, ist, wie in Fideikommiß-Fällen meist üblich, nicht die Erbin, sondern hat es nur in Absprache mit dem Regensburger Vormundschaftsgericht zu verwalten, bis ihr Sohn Albert mündig ist. Daß dennoch eine Erbschaftssteuer in zweistelliger Millionenhöhe fällig würde, kann ihrem Mann nicht entgangen sein; ungewiß ist, ob er einverstanden gewesen wäre mit der Entscheidung, die Magazine zu räumen. Ausgiebig spekulierte die Presse daher, als die Versteigerung im Juli bekanntgegeben wurde, ob es sich um eine Marotte der spendablen Fürstin, einen Fall von akuter Illiquidität oder eine vernünftige unternehmerische Entscheidung handele. Vom Ausverkauf war die Rede, von unwiederbringlichem Kulturgut auch und davon, daß hier eine geschlossene Sammlung in alle Winde verstreut werde. Die Regensburger Lesart lautet selbstredend weitaus harmloser. Nachdem das Fürstenhaus in den vergangenen Jahrzehnten 25 Schlösser geräumt oder verkauft habe, sehe es im Regensburger Stammschloß Emmeram aus "wie in einem Möbellager", klagte Gloria in einem Interview. Soll heißen: Wohin noch mit dem alten Plunder?

So bat sie im Frühjahr 1991 Sotheby’s Sachverständige erst einmal um Mithilfe beim Sichten, Bewerten und konservatorischen Problemen. Später erst, heißt es in München, kam es dann zu der Idee mit der Versteigerung. Eines Tages, mitten im heißen Sommer 1992, wurde dann in Schloß Emmeram gepackt: Futterale, Etuis, altertümliche Schachteln und voluminöse Lederkoffer, gefüllt mit Perlen, Ketten, Broschen, Diademen, mit diversem Tafelsilber, Platten, Leuchtern, Eisbehältern und Tabakdosen, gingen hochversichert auf Weltreise. Von London nach New York, Los Angeles und Hongkong, von Paris heim nach München und von dort nach Genf, jener Stadt, die für das größte Auktionshaus der Welt den "richtigen Markt" für derlei darstellt.