Das Weihnachtsbuch für die Herren Lambsdorff, Solms, Kinkel, Möllemann und Gerhard kommt aus Österreich und ist dort mit gutem Grund und aus ständigem Anlaß der Sachbuchbestseller der Saison: "Haiders Kampf". Die Notablen der FDP sollten sich die Zeit nehmen, das Buch bis zum Dreikönigstreffen der Liberalen zu lesen. Nach der Lektüre wären sie endlich in der Lage, ihre Wischiwaschi-Liberalität gegenüber Jörg Haider durch eine seriöse politische Haltung zu ersetzen und somit dazu beizutragen, daß die gespenstische Tournee des FPÖ-Vorsitzenden durch die FDP-Kreisverbände ein Ende findet.

Der Journalist Hans-Henning Scharsach, in den achtziger Jahren Bonner Korrespondent zweier liberal-konservativer österreichischer Regionalzeitungen, hat aus einer Fülle von historischem und aktuellem Material ein Musterstück politischer Enthüllungsliteratur geliefert. Nicht Skandale und Affairen um Haider und dessen fesche junge Prätorianergarde an der Spitze der "Freiheitlichen Partei Österreichs" sind Scharsachs Thema. Ihm geht es um das geistig-politische Profil, die ideologische Herkunft und das politische Umfeld dieses Mannes, der inzwischen die politischen Gemüter auch außerhalb Österreichs beschäftigt.

Haiders dreiste Demagogie, zuletzt das Lob für die Beschäftigungspolitik der Nazis, über das er als Chef der Kärntner Landesregierung stürzte, haben den FPÖ-Vorsitzenden international bekannt gemacht, vor allem aber auch seine Wahlerfolge und die Kunde von der Angst, die er im politischen Milieu Wiens verbreitet. Dieser Haider ist längst keine Kopie mehr von chauvinistischen Populisten wie Schönhuber oder Le Pen. Spätestens nach der Lektüre von Scharsachs Recherchen weiß man: Haider ist das Original.

In Kenntnis der Prozeßfreudigkeit des Objekts seiner Studien, formuliert Scharsach vorsichtig. Wo er sich in der abschließenden Beurteilung festlegt – "Jörg Haider ist Rechtsextremist" –, beruft er sich vorsorglich auf Kategorien, die von der Politikwissenschaft entwickelt und allgemein anerkannt sind. Weitere Fragen – "Ist Haider Neonazi? Faschist? Demokrat?" – beantwortet er nicht eindeutig, liefert aber eine Fülle von Anschauungsmaterial, die dem Leser die Antwort leichtmachen.

Für den Fall, daß die schon genannten Herren aus der FDP nur wenig Zeit haben und doch all das über Haider wissen wollen, was sie öffentlich nicht zu fragen wagen, empfehlen sich für ein Kurzstudium des real existierenden Haiderismus drei Kapitel: "Der alte Rassismus: Juden als Feindbild" (14 Seiten), "Geschichtsrevision: die braunen Fälscher" (44 Seiten) sowie "Führer und Führerpartei" (14 Seiten).

"Haiders Kampf" meidet zu kurz gegriffene Vergleiche und allzu vordergründige Analogien zum Nationalsozialismus. Das macht die Urteile des Autors glaubwürdiger, selbst wenn man ihm in manchen Details, besonders in seinen Sprachanalysen, nicht zu folgen vermag. Scharsach konzentriert sich auf den Vergleich von Haiders Populismus mit den Anfängen des österreichischen Demagogen Adolf Hitler, der erst in Deutschland sein Publikum fand. Die Anfänge studieren, ist das Motto der Haider-Studie. Das macht sie zum vorzüglichen Lehrbuch über den neuen "Rechtsextremismus ohne Hitler".

Werner A. Perger