Fabelhafte Wirtschaft – Seite 1

Immer, wenn die Menschen nicht begreifen, wie Wirtschaft sich zwischen Triumphen und Talsohlen vollzieht, ist die Europäische Management- und Marketing-Agentur (EMMA) bemüht, dem Verständnis durch anschauliche Bilder aufzuhelfen. "Die Vorstellung der Bürger vom Wirtschaften", sagt EMMA-Direktionsassistent Dr. Günter P., "darf sich nicht in Milliardenlöchern und Schuldenbergen erschöpfen. Wir brauchen frische Metaphern, Fabeln und Parabeln!"

Die Kollegen denken nach.

"Vielleicht die Fabel vom Schatz im Acker", sagt Kollege G. "Als ein alter Mann ans Sterben kam, rief er seine Söhne zu sich und sagte, im Acker sei ein Schatz verborgen. Sie sollten danach graben. Die Söhne gruben und gruben und gruben. Sie fanden keinen Schatz, aber durchs Graben blühte alles auf, und der Acker trug reiche Früchte. Das war der Schatz."

"Aber", sagt Dr. P., "sollen wir heutzutage noch Landarbeit und noch mehr Agrarüberschüsse propagieren?"

"Nein", sagt G., "wir sind eine Stufe weiter. Hunderttausende deutscher Kleingärtner graben und graben und graben, als ginge es um die Früchte des Ackers. Dabei ist der Schatz, den sie gewinnen, ihre Gesundheit – durch körperliche Arbeit in frischer Luft!"

"Als Ersatz für Seehofers Reformpaket ungeeignet", sagt Dr. P.

"Lafontaines Fabel vom Bären", sagt Kollege M., "der seinem schlafenden Herrn eine Fliege vom Gesicht scheuchen wollte, mit treuer Hand einen Stein ergriff und zuschlug, wobei er leider seinen Herrn umbrachte – wäre das ein brauchbares Bild?"

Fabelhafte Wirtschaft – Seite 2

"Sehr brauchbar", sagt Dr. P., "aber die Treuhand würde es uns sehr übel nehmen."

"Man könnte", sagt L., "zur Stabilisierung der Konjunktur an die Parabel von Eulenspiegel anknüpfen, der auf seiner Wanderschaft immer verdrießlich seufzte, wenn es locker bergab ging, weil er schon an den nächsten Aufstieg dachte, aber fröhlich sang, wenn es beschwerlich bergauf ging, aus Vorfreude auf den nächsten Abstieg. Also hatte er immer etwas Positives – gute Stimmung oder gute Fakten."

"Zur Erklärung von Bewegungen an der Börse, die gegenwärtig keine faktische Stütze haben, ein gutes Bild", sagt Dr. P. "Aber wir sollten uns nicht auf Kurse und Konjunkturen beschränken."

"In meinem Lesebuch in der Volksschule", erinnert sich Kollege M., der Senior der Runde, "stand früher die Geschichte vom braven deutschen Sturmsoldaten, der beim Angriff eine Handgranate nach der anderen abriß und auf die Feinde schleuderte – bis er plötzlich, eine abgezogene Granate in der Hand, mit Schrecken sah, daß keine Feinde, sondern nur noch eigene Kameraden um ihn her waren..."

"Von Freunden umzingelt", wirft R. ein.

"Also was tun? Wohin mit der Handgranate, die gleich explodieren wird? Der brave Soldat birgt sie an seiner eigenen Brust. Die Explosion zerreißt ihn. Die Kameraden sind gerettet."

Den Kollegen schaudert.

Fabelhafte Wirtschaft – Seite 3

"Und was lehrt uns das? Heldenmut?"

"Nein", sagt M., "es lehrt uns, daß man sich genau umsehen und die Folgen abschätzen muß, bevor man etwas anreißt, das explosiv und tödlich ist."