ZDF, Sonntag, 8. November: "Die letzten Tage von St. Petersburg"

Die russische Oktoberrevolution hat ja nun fast gar keine Freunde mehr – sieht man von den bejahrten Apparatschiks ab, die kürzlich auf dem Roten Platz demonstrierten. Doch daß es zurückgehe im GUS-Land zu den Idealen von 1917, ist äußerst unwahrscheinlich. Eher geht es noch ein Stück weiter zurück: zur Februarrevolution oder gar zum Zarismus. Ob irgendwo noch ein Romanow sitzt und auf seine Stunde wartet? Vielleicht kommt sie sogar. Mit Lenin aber läßt sich heute nicht mehr siegen. "Seine" Stadt heißt wieder St. Petersburg, und sein Denkmal im Osten Berlins wurde abmontiert.

Unter diesen Umständen konnte das ZDF es sich leisten, den 75. Jahrestag des bolschewistischen Staatsstreichs auf besonders kultivierte Art zu begehen. Man zeigte Wsewolod Pudowkins Stummfilm "Die letzten Tage von St. Petersburg" – 1927 zum zehnten Jahrestag der Revolution gedreht – in der Urfassung mit neuer Musik (Alfred Schnittke), und zwar festaktmäßig live aus der Alten Oper in Frankfurt. Ein gewaltiger Aufwand für ein – wenngleich kostbares – Exponat aus dem Film-Museum.

Schwang da nicht hörbare Erleichterung mit: Endlich, Pudowkin, bist du heimgekehrt in die Kultur? Selbstverständlich ist es verdienstvoll, wenn das ZDF einen Film wie "St. Petersburg" rekonstruiert und sendet; aber steckt nicht in der Wahl des 75. Jahrestags der Oktoberrevolution als Sendedatum und der Alten Oper als Aufführungsort eine triumphalistische Geste, die das Verdienst schmälert? Es schien, als wollte das ZDF darauf bestehen, den Film nicht nur sendefähig gemacht, sondern auch saniert zu haben von aller Propaganda, die, da ihre Ziele blamiert sind, sich scheinbar ganz in Stil und Form auflöst. Die Ansagerin vereinnahmte Pudowkin dann auch für das Lager der aufrechten Antibolschewiken: Sein Film habe die führende Rolle der Partei vernachlässigt und sei deshalb seinerzeit umstritten gewesen.

Mag sein. Dennoch bleibt "Die letzten Tage von St. Petersburg" ein äußerst parteilicher Film, der nur dem Volk menschliche und traurige Gesichter gönnt – den Ausbeutern aber gemeine Masken, hinter denen Gier und Härte blecken. Kerenskijs Bewunderer sind eitle Ganoven und hysterische Dämchen – der Bolschewik aber gewinnt das Vertrauen von Menschen, die lächeln können. Das Große an Pudowkins Film ist nicht, daß er kein Propagandafilm ist, sondern daß er ein Propagandafilm und trotzdem groß ist. Es gibt nämlich Zeiten für Länder, Staaten, Völker, in denen Propaganda auch ästhetisch gerechtfertigt ist – weil eine zu große Not herrscht. So eine Zeit waren die Kriegsjahre für Rußland. Pudowkin führt mitten hinein in diese Epoche, die noch kein Sowjetregime kannte, dafür all das, was zu ihm geführt hat: äußerste Armut, Hunger, Krieg.

Vielleicht ist es kleinlich, dem ZDF vorzuwerfen, daß es den aus der kommunistischen Propagandakiste geretteten Film ausgerechnet zu einem Jubiläum sendet, das kaum noch einer feiern will. Pudowkin selbst hätte den Sarkasmus gespürt, der in diesem Timing liegt. Und über den Ort – die Oper – Tränen vergossen: wie das Reiterstandbild Alexanders des Dritten in den "Letzten Tagen von St. Petersburg". Barbara Sichtermann