Von Uwe Jean Heuser

"Die beste Sozialpolitik ist eine freie Marktwirtschaft."

Milton Friedman

In einem Tagungshotel bei San Francisco vor fünf Jahren: Dem kleinen, lebhaften Mann mit dem Tigerlächeln sah man seine 75 Jahre nicht an. Die Zuhörer, vor allem Anhänger einer extrem liberalen Weltanschauung, hatte er längst in seinen Bann gezogen. Nun war es Zeit, mit scheinbaren Zugeständnissen zu kokettieren: "Mein Sohn hier ist noch jung, er will eine Staatsquote von Null. Ich bin nicht so radikal, zehn Prozent ist eine schöne, runde Zahl." Es war Milton Friedman, damals auf dem Gipfel seiner Popularität – und heute noch der bekannteste lebende Ökonom der Welt.

Zu den Gemäßigten hat er selten gehört. Es muß schon eine Gruppe fanatischer Individualisten sein, die nicht nur an seinen Lippen hängen, sondern sich in den Pausen des Kongresses auch noch begeistert um seinen Sohn und andere Ökonomen aus der berühmten Chicagoer Schule der Monetaristen scharen. Die Leute verbindet ein Glaube: Der Staat ist schlecht, der Markt ist gut. Mit unermüdlicher Hingabe machen sie ihre Grundhaltung an immer neuen Beispielen fest. Daß sich kaum ein westlicher Staat mit weniger als vierzig Prozent des Sozialprodukts zufriedengibt, kann ihre Energie nicht mindern.

"Ich bin die Inkarnation des Automatismus, der den Tüchtigen auch wohlhabend werden läßt", behauptet Milton Friedman mit einem gewissen Recht: Er wurde 1902 als viertes Kind jüdischer Einwanderer aus dem südosteuropäischen Bessarabien im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und wuchs im industriellen Kernland New Jersey auf – wahrlich keine gute Startposition für den gesellschaftlichen Aufstieg. Als der hochbegabte Schüler fünfzehn ist, stirbt der Vater; fortan muß Milton für die Familie mitverdienen. Trotzdem kann er dank eines Stipendiums schon mit sechzehn an der nahe gelegenen Rutgers-Universität studieren. Von da geht er an die ökonomische Talentschmiede der Universität von Chicago, erwirbt dort 1933 einen Master-Grad und tritt nach der Promotion 1946 eine Professur an.

Dreißig Jahre später, im Jahre 1976, hat er es geschafft – dank seines Genies, eines legendären Diskussionstalents, einer kaum zu überbietenden Hartnäckigkeit und trotz seiner ideologischen Botschaft: Er erhält den Nobelpreis, wird immer bekannter. Im Jahr 1980 verdient er bereits über eine Million Mark im Jahr mit Büchern, Artikeln, Vorträgen und einer Fernsehserie über die Verirrungen des Sozialstaats. Ronald Reagan im Weißen Haus und Margaret Thatcher in der Downing Street richten ihre Politik nach seinen Ideen aus. Doch der Weg zum Gipfel war hart, gepflastert mit dem Hohn und dem Haß von Kollegen, immer wieder blockiert durch das Beharrungsvermögen eingefahrener Vorstellungen.