Von Birgit Breuel

Viele Altbundesbürger hatten angenommen, ein Siegeszug der Marktwirtschaft würde das Reich des planwirtschaftlich Bösen hinwegfegen und damit sei es getan. DDR-Bürger waren da skeptischer, weil immun geworden gegen Parolen und Patentrezepte. Die Nachdenklichen im Jahre 1990 wurden sehr schnell stumm. Niemand wollte sich mit seiner Skepsis an dem großen Werk der Einheit versündigen, Probleme wurden eher verdrängt als nüchtern analysiert.

Weil alles so rasend schnell ging und gehen mußte, blieb vieles ungesagt, hoffend, daß es auch nicht gesagt werden müßte. Es blieb ungesagt, daß der Umbau einer ganzen Volkswirtschaft nicht Monate und Jahre, sondern Jahrzehnte dauern würde. Es blieb ungesagt, daß sich die Welt radikal verändert hatte und daß man am Ende einer Epoche stand, die in ihrem wirtschaftlichen Verhalten immer stark von der Kriegsgefahr, vom Weltenbrand bestimmt war. Und vor allem, es blieb ungesagt, daß der Erfahrungshintergrund für alle Beteiligen gleich null war. Niemand wußte so recht, wie es gehen könnte.

Im Grunde genommen gab es nur einen einzigen Konsens: Wir wollen es schaffen, die menschlichen und finanziellen Ressourcen müßten eigentlich ausreichen, zur staatlichen und wirtschaftlichen Einheit gibt es keine Alternative. Diese Haltung war richtig, aber sie reicht heute nicht mehr aus.

In Ostdeutschland hat fast die Hälfte der Menschen ihren bisherigen Arbeitsplatz verloren. Hunderttausende haben sich selbst einen Arbeitsplatz geschaffen und Unternehmen gegründet. Mehr als eine Million Arbeitsplätze sind durch Privatisierung und Sanierung in neuen Unternehmen mit neuen Eigentümern gesichert worden. Die Menschen in Ostdeutschland sind einem Veränderungsprozeß ausgesetzt, der schier unglaublich ist.

Mitten im Frieden vollzieht sich ein Umbruch, der jede Faser der menschlichen Existenz ergreift. Vergangenheit muß neu verstanden werden und Zukunft gleichzeitig gewonnen werden. Die wirklichen Helden dieser deutschen Einheit sind und bleiben die Menschen in den neuen Bundesländern, nicht die Besserwisser, die sich als System-Sieger dünken und glauben, daraus auch das Recht zu Ratschlägen ableiten zu dürfen. Die Treuhandanstalt kann sich nicht zurückziehen auf die Rationalität von Zahlenwerken und schon gar nicht in die scheinbare Sicherheit marktwirtschaftlicher Unternehmenskonzepte. Solche Papiere erweisen sich oft als unbrauchbar und hinderlich, wenn man sich allein auf sie verlassen würde.

Zu Beginn des wirtschaftlichen Umbaus blühte die Spekulation und das Raubrittertum. Zum Symbol dafür wurde kurzerhand die Treuhandanstalt, die das alles kaum verhindern konnte und nur in wenigen, dafür spektakulären Fällen einzugreifen schien. Eine ganze Ladung sowohl gutgemeinter als auch herablassender Kritik ergoß sich im Herbst 1990 über die Treuhandanstalt, ihre Unternehmen und alle handelnden Personen. Das tumbe und blindwütige und undifferenzierte Aufeinandereinschlagen hörte erst mit dem tragischen Tod von Detlev Rohwedder im April 1991 auf. Seine kurz vor seinem Tod vorgenommene Positionsbestimmung – rasch privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stillegen – vermochte einen Konsens zu stiften.