Von Jürgen Salz

Michail Gorbatschow hat ihn einmal den "ältesten Pionier der Arbeitsbrigade Deutschland/Sowjetunion" genannt. Für Journalisten war er der "heimliche Osthandelsminister". Er selbst bezeichnet sich als "Grenzgänger" und "Brückenbauer". Seit vierzig Jahren setzt sich Otto Wolff von Amerongen für die Förderung des Osthandels ein.

Schon 1952 bei der Gründung des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft war Otto Wolff dabei, seit 1956 als dessen Vorsitzender. Damals hatte er keinerlei persönliche Erfahrungen im Ostgeschäft, übernahm aber trotzdem die Leitung des Arbeitskreises Sowjetunion. Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte ihn darum gebeten – wegen seines guten Namens. Damit war der Vater von Otto Wolff gemeint, der 1904 in Köln eine Eisenhandlung gegründet hatte und regen Handel mit dem russischen Reich trieb. Nach Kriegsende versuchte der junge Wolff, der inzwischen die Firma übernommen hatte, das Ostgeschäft wieder aufzubauen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Osteuropa und die Sowjetunion immerhin fast ein Fünftel der deutschen Ausfuhren aufgenommen. "Gesprächsbereit auf allen Kanälen, besonders in Krisen", reiste Otto Wolff von Amerongen in die kommunistischen Staaten Europas und nach China: zunächst für den Ostausschuß, von 1969 bis 1988 auch als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) und schließlich als Mitglied der deutsch-sowjetischen Wirtschaftskommissionen.

Seine Erfahrungen als Grenzgänger zwischen mißtrauischen Politikern im Westen und schwierigen Verhandlungspartnern im Osten hat er jetzt zu Papier gebracht.

"Der Weg nach Osten" war ein mühsamer Aufstieg mit zahlreichen Hindernissen. Die ersten Gespräche zwischen westdeutschen Unternehmern und sowjetischen Funktionären fanden bereits im August 1952 statt; doch bis zum Abschluß eines Vertrages vergingen noch sechs Jahre. Zu groß waren die Widerstände: Bundeskanzler Adenauer lehnte, so zitiert Wolff aus dessen Erinnerungen, etwaige Wirtschaftsbeziehungen mit den Sowjets ab. Auch Fritz Berg, der erste Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) nach dem Krieg, war kein Freund des Osthandels. "Im Grunde seines Herzens hielt Berg jede Zusammenarbeit mit den kommunistischen Ländern zwar nicht wie andere für Landesverrat, aber doch für höchst suspekt", schreibt Wolff.

Doch die Verhandlungen mit den Sowjets ließen sich ganz gut an. 1954 schien bereits der Abschluß nahe. Die letzte, entscheidende Runde war für die Woche nach Pfingsten in Moskau angesetzt. Pässe und Visaanträge der Teilnehmer des Ostausschusses lagen bereits in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin, als das Auswärtige Amt die Reise untersagte, angeblich auf einen Wink der amerikanischen Regierung hin. Selbst als Adenauer ein Jahr später nach Moskau reiste, blockte er alle Angebote Nikita Chruschtschows zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit ab. Inzwischen wuchs der Handel Jahr für Jahr, die Westdeutschen exportierten immer mehr in die Sowjetunion. Doch das große Geschäft machten die anderen: "Unterdessen pflegten unsere westeuropäischen Konkurrenten das Ostgeschäft praktisch mit allem, was nötig war, wie zum Beispiel Kurssicherungen und Exportkreditversicherungen", ärgert sich Wolff. Die Bundesregierung blieb vorerst hart: Handelsvertrag gegen Wiedervereinigung, lautete die Forderung jetzt.

Die Zeit arbeitete jedoch für die Osthändler – den Sinneswandel beschreibt Wolff so: Auch im Auswärtigen Amt "konnte man sich nicht auf Dauer der Erkenntnis entziehen, daß uns die Verknüpfung des Osthandels mit der deutschen Frage keinen Schritt näher an die Wiedervereinigung brachte, sondern nur unseren Konkurrenten half". Anfang 1957, nachdem die Sowjets wenige Monate zuvor mit der Niederschlagung des Ungarnaufstands ihre Macht demonstriert hatten, signalisierte Adenauer Gesprächsbereitschaft.