Den entscheidenden Lebenseinschnitt verdankt Rolf Gerling der Bekanntschaft seiner späteren Ehefrau Katharina, einer Deutsch-Kanadierin, die zu diesem Zeitpunkt Psychologie studierte und ihn mit der Lehre des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung vertraut machte. Mit seinem Entschluß, nach dem Wirtschaftsdiplom noch ein Psychologiestudium am Zürcher C.-G.-Jung-Institut aufzunehmen, schwand daheim in Köln unter Hans Gerlings Paladinen die letzte Hoffnung, daß es an der Spitze jemals eine dritte Generation geben werde.

Allein der Alte wollte sich mit dem Ende der Familienherrschaft nicht abfinden. Immer wieder versuchte er, den Junior durch Aufsichtsratsmandate bei verschiedenen Gerling-Gesellschaften in die Verantwortung zu locken. Und 1989 schien plötzlich alles wieder offen: Rolf Gerling ließ sich überreden, in den Vorstand der Gerling-Holding einzuziehen. "Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen", kommentiert der künftige AR-Chef seinen damaligen Sinneswandel. Dabei hatte ihm Vater Gerling eigens ein besonderes Ressort Consulting und Risk Management zugeschnitten, das es dem Junior erlaubte, sich in Köln auch weiterhin rar zu machen.

In dem Maße, wie der Senior seine Hoffnung begraben mußte, der Junge werde – erst einmal an den Hebeln der Macht – eines Tages doch noch Feuer fangen, ging es auch mit dem unternehmerischen Elan des über 75jährigen bergab. Als er unter dem Druck seines Sohnes, endlich die Nachfolge zu regeln, Anfang vergangenen Jahres Adolf Kracht, der bei der Münchener Privatbank Merck, Fink & Co. im Zorn ausgeschieden war, als Stellvertreter und Kronprinz ins Haus holte, war es für einen geordneten Wechsel an der Konzernspitze fast schon zu spät. Seit dem Frühjahr ließ sich der von schwerer Krankheit gezeichnete Einzelkämpfer nur noch selten in seinem hallengroßen Chefbüro blicken. Am 14. August 1991 starb er an Herzversagen.

Allein um sein milliardenschweres Erbe zu verwalten, hätte der dritte Gerling nach dem Tode seines Vaters kaum den Aufsichtsratsvorsitz angestrebt. Was ihn umtreibt, ist die Überzeugung, "als Versicherung etwas für die Umwelt tun zu können". Gerling ist für ihn "das Vehikel, um meine Vision umzusetzen". Und diese Vision lautet für ihn, auf eine saloppe Formel gebracht: "Grün sein und trotzdem Geld verdienen". Ohne diese Verbindung von Ökonomie und Ökologie, bekennt er, "würde ich es nicht machen".

Brutstätte für neue Konzepte, den "Faktor Mensch" in die Risikobewältigung zerstörerischer Umweltkatastrophen miteinzubeziehen, ist die von ihm zusammen mit befreundeten Wissenschaftlern im letzten Jahr gegründete Gerling Akademie für Risikoforschung in Zürich. In einer von der Akademie herausgebrachten Aufsatzreihe zieht er vehement gegen die "Pseudohelden-Mentalität" unserer industriellen Gesellschaft zu Felde, mit der sich für ihn Begriffe wie Konkurrenzkampf, Ausbeutung und Zerstörung der Natur sowie Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit verbinden. Fürwahr schwerverdauliche Kost für das jahrzehntelang in der Zucht des Herrn stehende Kölner Gerling-Management und seine großindustrielle Klientel.

Begrüßen manche der alten Recken zumindest nach außen etwas gequält den "frischen Wind", der durch den von den Kölnern als "Neue Reichskanzlei" titulierten Arno-Breker-Bau am Gereonshof weht, fragen sie sich insgeheim nach der künftigen Rolle des geschäftsunerfahrenen Grünen. Zumindest tatkräftige Nachhilfe bei der Einübung seines neuen Amtes dürfte Rolf Gerling sicher sein: Mit Günter Vogelsang und dem Bremer Wirtschaftsanwalt Joachim Theye stehen ihm auch im neuen Aufsichtsrat zwei alte Vertraute der Familie als Ratgeber zur Seite.

Für Stabilität im Konzern sorgt im übrigen die Deutsche Bank, die dem Alleinerben in diesem Frühjahr dreißig Prozent seiner Anteile abkaufte. Aus dem Erlös kann Rolf Gerling nicht nur die demnächst fällige Erbschaftssteuer bezahlen, im ungünstigsten Fall in Höhe von 300 Millionen.