Von Günther Nenning

Der Golem hat auf seiner Stirn stehen: EMET – das ist: "die Wahrheit". Rabbi Löw aus Prag oder die anderen Golem-Macher vor und nach ihm erzielten mit dieser Aufschrift: Der aus dem Lehm geformte Klotz setzte sich in Bewegung, er wurde in Wahrheit ein Mensch. Freitagabend, wenn der Schabbes-Stern am Himmel erscheint, wurde dem Golem der erste Buchstabe von der Stirn gelöscht; jetzt stand nur noch MET – das ist: "er ist tot".

Der Golem sank in sich zusammen, er war nur noch Lehm. Wenn der Wunderrabbi wieder einen Golem wollte, mußte er einen neuen machen.

Peter Daniel hat die hebräischen Buchstaben des Wahrheitswortes EMET aus Neonleuchtröhren nachgebaut. Wenn er den Schalter anknipst, leuchten sie blau, der erste Buchstabe aber leuchtet und erlischt in rhythmischem Abstand. Wahrheit – Tod – Wahrheit – Tod – Wahrheit.

Der junge Künstler, 28, Wiener und Jude, Jude und Wiener, hängt an den Buchstaben. "Über die unendliche Kraft der hebräischen Buchstaben" schrieb er ein Buch, Haupttitel: "En-Sof. Ewiges immer", und gleichzeitig läuft bis Ende des Monats seine Ausstellung zum selben Thema im Wiener Literaturhaus.

Seine Verlegerin, Batya Horn, 40, Wienerin und Jüdin, Jüdin und Wienerin, hilft ihm, besorgt etwas Geld und etwas Publizität. Fast 200 Leute kamen zur Eröffnung.

Wie paßt das zu Wien? Gar nicht. Nur schert sich das Leben, das künstlerische zumal, um Unvereinbarkeiten überhaupt nicht. Es dreht eine lange Nase allen finsterbrauigen Logikern, die völlig richtig einwenden: Die Symbiose von Wien und Juden ist vorbei seit Hitlers Mordtaten. Sie wird nie wiederkommen. Aber Daniel ist auch Herausgeber eines Bandes "Jüdische Lyrik aus Österreich"; hier drin sind, erläutert er, keine toten, nur lebende, nur hier in Österreich lebende Juden (und einige in der Emigration lebende).