Von Michael Thumann

Gabčíkovo

Man hat uns die Donau gestohlen!" Bauern aus dem slowakischen Dorf Dobrohošt stehen am Ufer des zweitlängsten europäischen Flusses. Nur ein klägliches Rinnsal quält sich noch durch die alte Fahrrinne. Die Steine des Flußbettes liegen frei. Schlick erfüllt die Luft mit Modergeruch. "Fische und Schnecken sterben", klagt Michal Bélik, einer der Bauern. Und im nächsten Sommer würden die Wälder vertrocknen. Doch das schlimmste: "Wir selbst haben kein Wasser mehr!" Er führt die Besucher in seinen Garten und zieht an der Brunnenpumpe. Nur Tropfen fallen zu Boden. Bélik zeigt in den Garten: "Wie soll ich mein Vieh tränken, womit das Gemüse wässern?"

Auf der Schüttinsel im Süden der Slowakei versorgen sich noch viele Menschen aus Wasserbrunnen. Michal Bélik ist Ungar – wie die meisten Bauern in dieser Gegend. Nicht an die staatliche Wasserversorgung angeschlossen zu sein bedeutet für die Ungarn Unabhängigkeit von slowakischen Behörden. Das Grundwasser hat hier hervorragende Qualität – und war natürlich kostenlos. Doch seit slowakische Ingenieure Ende Oktober die Donau bei Cunovo in einen Kanal umgeleitet haben, um das Wasserkraftwerk von Gabčíkovo zu speisen, ist der Grundwasserspiegel jäh abgesunken. In den Dörfern leben die Menschen meist von Getreideanbau, einige von Viehwirtschaft. Wer keine Wasserleitung hat, sitzt nun auf dem Trockenen.

Dafür ist der Kanal mächtig angeschwollen. Wie ein Meer durchzieht er das Land, breiter als die Donau-Mündung, aufwendiger gebaut als der Suezkanal. Auf der Deichstraße fährt der Vater des Projektes gern entlang, um sein Lebenswerk in Augenschein zu nehmen: Julius Binder, Direktor der Wasserwirtschaftsbehörde Bratislava. Wenn er Naturschützer oder unliebsame Journalisten auf dem Deich sieht, droht er, die Polizei zu rufen. Doch die slowakischen Beamten würden niemanden von öffentlichem Gelände vertreiben. Binder hat deshalb eine Privatpolizei aufgestellt. Die Bevölkerung nennt sie "schwarze Sheriffs", ihrer dunklen Lederjacken wegen. Die Kanalgardisten bewachen die Dämme, die Schleusen für den Schiffsverkehr und das Kraftwerk bei Gabčíkovo, in dem der ersehnte Strom bald erzeugt werden soll. Kein Saboteur soll auch nur ein Kabel zerschneiden, kein ungarischer Maulwurf den Deich durchbohren können. "Die Feinde des Staudamms sind die Feinde der Slowakei" – so sieht Binder den Verlauf der Frontlinie.

Daß die Wasserexperimente viele Gegner haben, verrät ein Spruch auf einem vergessenen Bauwagen. "Stoppt Gabčíkovo!" skandierten die Demonstranten, die in Ungarn, aber auch in der Slowakei, das Projekt bekämpfen. Das Kraftwerk wird inzwischen auch von der ungarischen Regierung attackiert. Bis vor drei Jahren war sie noch Komplize beim Kanalbau. 1977 hatten sich Ungarn und die Tschechoslowakei in einem Vertrag geeinigt, die Donau in einen 25 Kilometer langen Kanal umzuleiten und vor zwei Wasserkraftwerken zu stauen: in Gabčíkovo und im ungarischen Nagymaros.

Doch Mitte der achtziger Jahre erwachte in Ungarn der Widerstand gegen das "stalinistische Monstrum". Der Kampf gegen das Kraftwerk wuchs sich aus zum Kampf gegen den Kommunismus. 1989 ließ das ungarische Parlament den Bau des Kraftwerks Nagymaros und des ungarischen Staudamms einstellen. Dieser "Verrat" brachte die Slowaken in Harnisch: Sie errichteten einen neuen Staudamm bei Cunovo, der nur 300 Meter vor der ungarischen Grenze die Donau umleitet. Die Fehde ums Wasser war entbrannt.