Von Ulrich Schiller

Washington

Eine Präsidentschaft ist so gut, wie es die Leute sind, mit denen sich der Präsident umgibt." Punkt, Schluß. David Waters duldet keine Einschränkung. Der Veteran der Johnson-Administration in den sechziger Jahren wäre der letzte, der die Rolle und das Gewicht eines großen Präsidenten für die Geschichtsbücher schmälern würde. Lyndon B. Johnson aus nächster Nähe – hier boten sich Waters Einblicke und Einsichten, die Maßstäbe für seine Kritik an dessen Nachfolgern, insbesondere an George Bush und Ronald Reagan, gesetzt haben. "Ein intellektuelles Vakuum" waren für Waters die vergangenen zwölf Jahre. So wie das Land ökonomisch verrottet sei, so sei es auch intellektuell verfallen. Glatt verkümmert seien der politische und der soziale Gedanke. Und warum? David Waters’ Antwort: "Sieh dir die Leute an, mit denen sich Reagan und Bush umgaben."

Bald wird Bill Clinton in Washington einziehen. Viele Amerikaner, nicht nur die Veteranen der Kennedy/Johnson-Ära, hat die Hoffnung an die Wahlurnen getrieben, daß mit Clinton wieder ein Präsident regiert, der begriffen hat, welche gewaltige Kraft in Ideen steckt. Viele seiner Wähler setzen darauf, daß er wie Kennedy "the best and the brightest" zu einem Kreis von Mitarbeitern und Beratern versammelt, der neue Ideen in aller intellektuellen Schärfe und Redlichkeit diskutiert und der das Ohr des Präsidenten hat. Denn der muß ja dann die Entscheidungen fällen, "um neun Uhr morgens", wie Johnson zu sagen pflegte.

Wen wird Bill Clinton ins Weiße Haus holen? Das ist die Preisfrage in den nächsten Wochen. Sie wird die transition beherrschen, die Zeit des Übergangs. Genauso spannend ist es zu erfahren, wie Clinton seine Präsidentschaft strukturieren wird, wie er sie im Verhältnis zu den vorgegebenen Größen organisieren wird. Diese Größen sind: der Kongreß, der jedem Präsidenten die Grenzen aufzeigt; der Vizepräsident, den er selbst ausgesucht hat; und vor allem Hillary, die er geheiratet hat.

In einer der Sonntagszeitungen vor dem Wahltermin gab es eine köstliche, dem Volk vom Maul abgeschaute Karikatur. Ein Kasten mit Luftlöchern ist zu sehen, der Deckel ist verschlossen und mit einem Vorhängeschloß verriegelt; davor kauert Bill Clinton. Der Text lautet: "Nur wenige Tage noch, Hillary! ..." Die wenigen Tage sind vorbei, Hillary braucht sich nicht mehr vor chauvinistischen Wählern zu verstecken und wird bald First Lady oder auch First Woman sein, wie neuerdings aus feministischen Federn zu lesen ist. Was wird sie mit Amerika, was wird Amerika mit ihr machen?

Es ist das erste Mal, daß die Vereinigten Staaten eine First Lady bekommen, die ihre eigene Karriere gemacht hat, die als Frau und Mutter voll berufstätig war und sich insofern stellvertretend für Millionen von amerikanischen Frauen sieht. Mit ihrer Intelligenz und politischen Durchschlagskraft hat sie dem Gouverneur von Arkansas, ihrem Mann, in der Sozial- und Bildungspolitik aktiv zugearbeitet. Wie wird sich nun die Clinton-Ehepartnerschaft im Weißen Haus definieren? Dazu Hillary selbst: "Erst möchte ich nachdenken, was ich mache, ehe ich darüber rede." Der gewählte Präsidentengemahl hat bislang nur so viel von sich gegeben, daß Hillary keinen Posten bekleiden solle. Daß sie das Zeug hätte, beispielsweise Justizministerin zu werden, steht für Kenner ihrer juristischen Fähigkeiten außer Frage. John F. Kennedy habe sich ja auch nicht gescheut, argumentieren einige, seinen Bruder Robert in dieses Amt zu berufen. Aber abgesehen davon, daß Kennedy zu seiner Zeit noch die Macht des Präsidentenamtes bis an die Grenzen ausschöpfen konnte – er berief einen Mann, den Bruder. Würde Präsident Clinton jedoch seine Frau zur Ministerin machen, es gäbe einen Aufstand. Hillary andererseits einen Posten ohne Einfluß zu verschaffen wäre grotesk und verstieße gegen ein Wahlkampfmotto des neuen Präsidenten: Amerika könne es sich nicht leisten, auch nur einen einzigen Menschen "zu verschwenden".