Von Peter Handke

Straub/Huillet, für ein mehrheitliches Filmpublikum bedeutet dieses Namensduo – wenn es überhaupt etwas bedeutet – wahrscheinlich eine Abschreckung. Und auch jener nicht eben überwältigenden Minderheit, welche seit fast dreißig Jahren schon beständig sich angezogen fühlt von den Filmen Jean-Marie Straubs und dessen Frau Danièle Huillet (ich zähle mich, immer wieder überwältigt, dazu), sind die beiden, in vielfacher Weise, wohl ein schreckliches Paar.

Ein eher unguter, befremdender und verengender Schrecken, was manchmal die Nebenerscheinungen, rund um die Filme, betrifft: insbesondere durch die Erklärungen oder Verlautbarungen, womit die zwei in der Regel ihr wunderbares altes Kämpfertum, das in jeder Einstellung ihrer Kinosprache frei wirkt, einzusperren und zu stutzen suchen, in einem Spruchrahmen veralteter Klassenkämpferei (noch in ihrem jüngsten Film, "Antigone", von dem ich hier gern ein bißchen was erzählen will, sah ich mich am Ende der Geschichte, als diese schon neu und erweitert in mir anfing, von einem moralisierend-prophetisierenden Brecht-Zitat im Nachspann eingesperrt in den Kleingeist expliziten Denkens, wo doch die Bilder und die Sprache des Films zuvor schon das ganze Denken und die Personen der Handlung einen völlig anderen Geist verkörpert hatten; ich habe mich freilich nicht einsperren lassen, auch dank der vorangegangenen großen Freiheit).

In der Hauptsache jedoch – in den Haupt-Sachen, den Filmen – ist der Schrecken, der von dem Paar Jean-Marie Straub/Danièle Huillet auf jene minderheitlichen Kinogeher überspringen kann, ein heilsamer. Ohne je ein einziges sogenanntes Schockbild, ohne je ein ausdrücklich vor den Kopf stoßendes Wort zu enthalten, sind die Einstellungen (oft beileibe nicht so "lang", wie man behauptet), die Sequenzen, die Filme der beiden, vor allem mit Hilfe der Sprache, augen- und ohrenöffnende Schocks. Nie will ich vergessen, wie mir in den sechziger Jahren durch "Nicht versöhnt" – nach "Billard um halb zehn" von Böll, das ich wegen seiner Behäbigkeit und scheinbaren? Harmlosigkeit nicht zu Ende gelesen hatte – mit einem Schlag die Tür zu einem Deutschland hinter dem üblichen aufsprang, einem wortklauberischen, wehrlos-empörten, liebreichen, wohl eben Böllschen "Hinterdeutschland", durchwirkt von dem Schwarzweißfilmlicht, wie es mir damals nach dem Kino über die volle Länge des sonst eher trübbunten Kurfürstendamms weitergespielt hat, gleichsam als sichtbar machender Meridian, als eine die dortzulande verdorbene Weltgeschichte, wie es ja erklärtermaßen im Sinn eines jeden Straubschen Lichtspiels ist, neu vermessende und neu eröffnende Geographie.

Der Schock, welchen die Filme Straubs mir antun können, ist auch beschreibbar als Formbewegung, als Rhythmus. Es ist von "Nicht versöhnt" über "Geschichtsunterricht" bis "Antigone" ein Rhythmus aus Stocken und Plötzlichkeit. Stocken und Plötzlichkeit. Stocken, und wieder Stocken, und noch einmal Stocken, und gar endloses Stocken, und dann die Plötzlichkeit (und danach wieder das Stocken).

Und die Plötzlichkeit, die erschreckende, zeigt sich nie als eine Aktion – Ereignis, wenn bei Straub ein "Akteur" einmal einen Stein aufhebt –, sondern in der Regel als ein Satz, meist eines Dritten, Hinzukommenden, eines Boten: Das Plötzliche, der Schock, die Wende wird verkörpert von einem jäh auf- und ebenso jäh wieder abtretenden Boten; war das nicht schon eine Art Prinzip in der "Chronik der Anna Magdalena Bach", wo einer in eine Musikprobe des alten Meisters platzt mit der Nachricht von dessen Absetzung als Kantor und Ersetzung durch jemand andern?

In meiner Erinnerung jedenfalls agieren von Film zu Film des Doppels Straub/Huillet fast allein die hereinstürzenden Boten, in der Regel eines Unglücks (hier und da vertreten durch das Öffnen eines Briefs?); und ich entsinne mich jener einmaligen Befremdung, als in dem Film des Schönberg-Oratoriums "Moses und Aaron" unversehens die Straubschen Israeliten tatsächlich um das Goldene Kalb tanzten und in seltsamen Luftsprüngen die vorgeschriebene Orgie mimten.