Der Krieg in Graz ist begehrt. Schon Wochen vorher gab es keine Karten mehr. Die Warnungen der Veranstalter vor der eigenen Veranstaltung schreckten nicht ab, sondern kitzelten, wie erwartet, das Gemüt: "Aufführungen der Gruppe Survival Research Laboratories sind extrem anstrengend, durch Lärm, grelles Licht und Rauch physisch wie psychisch belastend ... Der am Eingang ausgegebene Gehörschutz ist während der gesamten Veranstaltung zu tragen. Hochschwangeren Frauen, Kindern unter zwölf Jahren und allen Personen, die nicht in bester körperlicher Verfassung sind, wird vom Besuch der Vorführung abgeraten."

Über zweieinhalbtausend Zuschauer drängen in die ehemalige Arlander Papierfabrik im Industriegebiet von Graz. Einige haben vorsichtshalber einen Sturzhelm mitgebracht – immerhin erwarten sie eine "Apocalypse now and here", wie die Werbeleute das Ende des diesjährigen "Steirischen Herbstes" ankündigten.

Die Imitation eines Krieges im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Fünfzig Minuten wird die Show dauern, sie beginnt mit einer halben Stunde Verspätung, denn die Sicherheitskontrollen am Eingang sind penibel.

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Und der "wirkliche" Krieg, nur wenige Kilometer von der Steiermark entfernt? Während des "Steirischen Herbstes" sind im Grazer Landesmuseum Photos von der kulturellen Verwüstung in Kroatien zu sehen: hier ein zerschossener Kirchturm, dort ein ausgebranntes Schlößchen; Grabsteine, hinter denen Kämpfer Deckung suchten und die jetzt umgestürzt sind; Kinder, die durch die Trümmer eines Schlachtfeldes streifen ...

... 44 Museen, 73 Klöster und Kirchen, 22 Bibliotheken und 9 Archive sind im jugoslawischen Bürgerkrieg allein in Kroatien zerstört worden, 675 Kulturdenkmäler, 117 davon haben nationale und internationale Bedeutung. Bilder, wie wir sie vor Wochen noch täglich, inzwischen nur noch alle zwei oder drei Tage in den Fernsehnachrichten sehen können, Zahlen, die wir kennen.

Müssen wir in Graz, wenn wir am Nachmittag in die Ausstellung im Landesmuseum gehen und abends in das Kriegstheater der Survival Research Laboratories, mehr über den Bürgerkrieg erschüttert sein als in Frankfurt am Main und an der Oder oder in Berlin? Das alte Denken ...