Von Thomas Willke

Selbstmord und Leben scheinen nicht miteinander vereinbar, und doch ist für die Entwicklung und die Existenz jedes höher entwickelten Lebewesens der programmierte Selbstmord vieler tausend Körperzellen notwendig. Wenn eine Raupe sich verpuppt, müssen alle Zellen sterben, die der Schmetterling nicht braucht. Unser Körper eliminiert jeden Tag mehrere Milliarden Immunzellen, weil er sie nicht mehr benötigt. Ähnliche Prozesse finden bei allen Lebewesen statt. Auch die menschliche Embryonalentwicklung und die Reifung unseres Gehirns erfordern den Tod eines Teils von uns.

Dieser Vorgang, Apoptose genannt, ist jedoch kein unkontrollierter Zerfall, sondern ein aktiver und wohlgeordneter Abbauprozeß. Hierbei produziert die Zelle die notwendigen Werkzeuge für ihren Tod selbst. Dann zerschneidet sie ihre Erbinformation in kleine Stücke und verpackt die restlichen Zellbestandteile in kleine Blasen. Durch das Geschehen werden körpereigene Freßzellen angelockt, die alle Überbleibsel beseitigen.

Ein Ausbleiben dieses Selbstmords kann für den Gesamtorganismus tödliche Folgen haben, denn eine Zelle, die nicht sterben kann, hat den wichtigsten Schritt zur Krebszelle getan: Sie ist unsterblich. Wie die Apoptose gesteuert wird und welche Gene über Leben und Tod entscheiden, beginnen Molekularbiologen langsam zu verstehen.

So nutzt beispielsweise ein Virus bereits seit Jahrtausenden den programmierten Zelltod in unserem Immunsystem: das Epstein-Barr-Virus (EBV). Diese Viren sind im allgemeinen harmlos und uns so gut angepaßt, daß sie mehr als 95 Prozent aller Menschen bewohnen. Meist infizieren sie symptomlos Kleinkinder oder Teenager, denn EBV ist leicht übertragbar, etwa durch Küssen. Das Virus überlebt in den sogenannten B-Zellen unseres Immunsystems und will dort auch für mehrere Jahrzehnte bleiben. Die B-Zellen sind hochspezialisierte weiße Blutkörperchen, die jeweils einen ganz besonderen Krankheitserreger "erkennen" und mit Antikörpern bekämpfen. Diese Zellen werden jedoch regelmäßig überprüft, ob sie noch gebraucht werden, und sie bringen sich um, wenn dies nicht der Fall ist. Um seinem unfreiwilligen Gastgeber dieses Schicksal zu ersparen, setzt EBV nicht uneigennützig den körpereigenen Überlebensschalter, das sogenannte Bcl-2-Protein, ein.

Bcl-2 schaltet wiederum das Selbstmordprogramm der Apoptose ab, und die B-Zelle wird "unsterblich", das heißt, sie geht erst dann zugrunde, wenn der Gesamtorganismus stirbt. Im Labor hingegen überleben diese sogenannten transformierten Zellen unter geeigneten Bedingungen sehr lange.

Die Produktion dieses Überlebensproteins unterliegt natürlich einer strengen Kontrolle. Es gibt jedoch eine Krebsform des Immunsystems, die durch das Versagen dieser Kontrolle ausgelöst wird, das sogenannte B-Zell-Lymphom. Bei dieser Krankheit wurden durch eine Mutation Bruchstücke der Erbinformation ausgetauscht, und die genetische Information für Bcl-2 bekam einen anderen "Kontrolleur". Dieser überwacht normalerweise die Produktion von Antikörpern, den Werkzeugen des Immunsystems. Weil Antikörper in großer Menge gebraucht werden, war er für eine hohe Produktionsleistung verantwortlich. Nun werden unter seiner Aufsicht massenhaft Bcl-2-Proteine produziert, die die Immunzellen nicht sterben lassen. Beim B-Zell-Lymphom vermehren sich die Krebszellen nicht ständig wie bei anderen Krebsformen, sondern es werden fortlaufend Zellen produziert, die nicht wieder sterben wollen.