Von Elisabeth Wehrmann

Roeland Engelen ist sechzehn Jahre alt und hält die Schule im Moment für ziemlichen Unsinn. Fußballspielen ist für ihn allemal wichtiger als Latein, dabei macht es ihm keine große Mühe, aus Ovids Metamorphosen die Geschichte des Phaeton zu übersetzen: "Steil ist der Weg zu Beginn ..." Seine Schwester Mireille, vierzehn, läßt mit heiterer Gelassenheit wissen, daß Schule an sich kein Vergnügen sei, aber wenn es denn sein müsse, sei doch ihre Schule die allerbeste.

Roeland und Mireille gehören zu den 450 Schülerinnen und Schülern des christlich-humanistischen Gymnasiums Sorghvliet in Den Haag. Beide bekamen nach der Grundschule eine Empfehlung für den VWO, den vorbereitenden wissenschaftlichen Unterricht, haben im ersten Schuljahr des Gymnasiums mit drei Fremdsprachen (Latein, Französisch und Englisch) begonnen, lernen seit dem zweiten Schuljahr zusätzlich Griechisch und Deutsch und natürlich auch Mathematik und Geschichte, Biologie und Computerkunde. Ein wahrhaft "steiler Beginn", doch von Paukerei und Streß ist in dieser Schule dennoch wenig zu merken. Der Schulalltag beginnt um 8.30 Uhr mit einer Bibellesung und einigen stillen Minuten für ein Gebet. Danach zeigen die 26 Mädchen und Jungen der zweiten Klasse, was sie nach zwei Monaten Deutschunterricht über ihre Hobbys zu berichten wissen: "Ich spiele gerne Violine"; "mein Hobby ist Hockey". Sie haben einfache Redewendungen geübt und erproben sie im Spiel.

Auf einer Schulbank steht eingeritzt: "Sesam open U" – Sesam öffne dich!" Es sieht so aus, als sei der alte Zauberspruch im christlichen Gymnasium Sorghvliet noch wirksam. Auch in der Physikstunde der Abschlußklasse werden die achtzehn Jungen und Mädchen nicht nervös, als sie zusammen mit dem Lehrer die nächste Klassenarbeit besprechen.

Wer will, kann nach dem Unterricht an einer der zwanzig angebotenen "Aktivitäten" teilnehmen: Es gibt ein Schulorchester, einen literarischen Kreis, Selbstverteidigungskurse für Mädchen, Schach, Sport und Theater, einen Arbeitskreis für den Schulgarten, eine Debating Society (Thema fürs nächste Mal: "Softdrugs should be legalized"), Hebräisch für besonders Interessierte und Lateinstunden für die Eltern. Für Hausaufgaben veranschlagt Roeland im Moment ein bis zwei Stunden pro Tag; etwas mehr, wenn Klassenarbeiten anstehen. Seine Schwester sieht das lässiger. Sie spielt lieber Volleyball; das, meint sie, kann sie sich leisten.

Rob und Marianne Engelen, die Eltern von Roeland und Mireille, sind beide Lehrer. Sie haben ihre Kinder auf das Gymnasium Sorghvliet geschickt, weil sie nicht wollten, daß Roeland und Mireille in einer der großen Gesamtschulen, in einer "anonymen Lernfabrik", untergehen: "Hier kennen die 38 Lehrer jedes der Kinder persönlich. Probleme mit Gewalt, Rassismus, Drogen oder Disziplin gibt es nicht. Die christliche Atmosphäre macht das Schulleben gemütlich, das Niveau ist allgemein hoch. Kinder, die lernen wollen, werden nicht diskriminiert, als Streber oder Studentlein belächelt. Wenn ein Schüler an einer Gesamtschule Schwierigkeiten bekommt, wird ihm schnell nahegelegt, in den jeweils leichteren Zweig überzuwechseln. Den Ausweg gibt es hier nicht. Die Kinder lernen, sich durchzubeißen; das motiviert."

Der Zugang zu Sorghvliet wird über einen strengen Ausleseprozeß geregelt. Aufgenommen werden nur solche Grundschüler, die von 550 Punkten des Qualifikationstests 544 Punkte schafften. Ihre Chance, nach sechs Jahren die Abschlußprüfung zu bestehen, liegt bei achtzig Prozent. Absolventen von Sorghvliet können danach direkt mit dem Studium an einer Universität beginnen.