BERLIN. – Die Nachricht war so direkt und zukunftssicher, daß man ihr nicht glauben mochte: Maria White, die Enkelin des Malers Max Liebermann, bekommt ihr Berliner Erbe zurück. Es ist das nördlich ans Brandenburger Tor grenzende Grundstück am Pariser Platz, auf dem das Haus ihres Großvaters stand, ehe es wie alle Gebäude hier von Bomben zerstört wurde. Liebermann, von den Nazis geächtet und bedrängt, ist 1935 darin, 87 Jahre alt, gestorben; hier hat sich später seine hochbetagte Frau umgebracht, um sich der Deportation nach Auschwitz zu entziehen.

Liebermann hatte sich in diesem, vom kargen preußischen Klassizismus geprägten Palais wohl gefühlt. Als Kaiser Wilhelm II. ein Auge darauf warf, um es ebenso wie das Haus auf der anderen Seite abreißen zu lassen und das Brandenburger Tor freizustellen, ließ er ihm ausrichten, "der Kaiser wohnt uff det eene Ende von de Linden und der Liebermann uff det andere. Un ebenso wie der Kaiser nich von det eene Ende der Linden rausjeht, jeht der Liebermann nich von det andere Ende der Linden raus." Nun hat die Enkelin vor, das Hausrecht weiter zu behaupten. Unterstützt von der Harald-Quandt-Vermögensverwaltung als dem (hier nicht nach Rendite jagenden) Finanzier, hat sie den Berliner Architekten Josef Paul Kleihues mit dem Entwurf des Gebäudes beauftragt. Es wird selbstverständlich keine Kopie, aber ein Haus, das dem Vorgänger in der Haltung gleicht: drei Stockwerke hoch, so daß die Traufkante wieder mit den unteren Gesimsen des Brandenburger Tors harmoniert; gedeckt mit einem sehr flachen, von unten nicht erkennbaren Walmdach; die schmucklose Elbsandsteinfassade in strengem Regelmaß gegliedert; der Eingang in der Mitte von einem Balkon geschützt; sein Gegenstück auf der westlichen, dem Tiergarten zugewandten Seite ist ein stehender, bis ans dritte Geschoß reichender kantiger Erker.

Kleihues entwarf auch gleich den Zwillingsbau, das historische Pendant südlich des Brandenburger Tores, mit, das ehemalige Haus Sommer, und setzt es ebenso wie das Liebermannsche Haus von den beiden Torhäuschen ab: die alte Symmetrie der Platzwand wieder herstellend. Das Tor empfinge dann hier, am quadratischen Platz, die Allee Unter den Linden mit gleichsam ausgebreiteten Armen.

Der Pariser Platz war der nördliche der drei Barockplätze, die Friedrich Wilhelm I. im 18. Jahrhundert am Berliner Stadtrand hatte anlegen lassen: das Rondell im Süden (heute der Mehringplatz), das Oktogon im Westen (den Leipziger Platz, dem später das Verkehrskreuz des Potsdamer Plates vorgelagert wurde) und das Karree (mit dem später vom Klassizisten Langhans entworfenen Brandenburger Tor). Es waren damals jedoch, wie der bissige Werner Hegemann in seinem Buch über "Das steinerne Berlin" schrieb, nur "geometrische Löcher", verglichen mit den komponierten Architekturplätzen, die dem Soldatenkönig als Vorbilder gedient hatten (des Victoires, Vendôme und des Vosges). Die waren sie auch später nie geworden – und sie werden es wohl auch nicht werden.

Am Pariser Platz sind die Aussichten nicht schlecht. Bausenator Nagel und Entwicklungssenator Hassemer haben vor, sich an die von Kleihues schon bei der IBA, der Internationalen Bauausstellung, praktizierten "kritischen Rekonstruktion" der Stadt zu halten. Neben den Häusern Liebermann und Sommer werden hier auch die Botschaften Frankreichs (Nr. 5), der USA (Nr. 2) und Großbritanniens (Ecke Toleranzstraße) sowie ein Gebäude der Akademie der Künste und das "Hotel Adlon" wieder entstehen. Mit Kleihues’ Entwurf wird auch dem Verkehrssenator Haase vehement widersprochen: Der will da, wo die Häuser Liebermann und Sommer geplant sind, noch immer Verkehrsstraßen an den Flanken des Brandenburger Tores vorbeiführen und demzufolge, wie schon einmal zu Kaiser Wilhelms und Hitlers Zeiten geplant, das Tor freistellen und damit die Harmonie des Platzes zerstören.

Das Liebermannsche Haus soll dem Andenken des Impressionisten dienen und sein Werk ausstellen. Die Hoffnung ist groß, eine Sammlung von Bildern des Malers dafür zu gewinnen; man hat auch vor, sich anderen Künstlern der Sezession zu öffnen. Manfred Sack