Von Georg Blume

Tokio

Nagatacho – so heißt das Regierungsviertel der japanischen Hauptstadt. Doch die wenigsten Japaner kennen es, warum auch? Nagatacho: Das sind enge Gassen voller zweitklassiger Bürogebäude, düsterer Kellerrestaurants und Kaffeestuben. Nicht einmal die Schulausflügler, die in Japan an jedem Tempel haltmachen, kommen bis Nagatacho. Denn der Ruf der Gegend ist schlecht. Tokios Bürger gehen in Nagatacho abends nicht aus, weil sie unter den Gastwirten Schwindler und Wucherer vermuten. Alle großen und angesehenen Unternehmen haben ihren Firmensitz in bessere Stadtteile gelegt. In Mode war Nagatacho wohl noch nie, dafür ist der ungeliebte Ort von Zeit zu Zeit in aller Munde, vor allem dann, wenn es wie in diesen Tagen um einen politischen Machtwechsel geht.

Der fand in Japan vor vier Wochen statt, als Shin Kanemaru, der starke Mann der regierenden Liberal-Demokratischen Partei (LDP), am 14. Oktober alle politischen Ämter niederlegen mußte. Der 78jährige Kanemaru hatte als Vorsitzender der mächtigsten LDP-Fraktion unter mehreren japanischen Ministerpräsidenten faktisch die Regierungsgeschäfte geleitet. Nun mußte er unter dem Donner des Volkszorns zurücktreten, weil er illegale Spendengelder von dem mit der Mafia zusammenarbeitenden Paketdienst Sagawa Kyubin angenommen hatte. Seither betrachten die Japaner, teils empört und teils belustigt, das Drama von Nagatacho, in dem über die Nachfolge Kanemarus und damit über Nippons neue Nummer eins entschieden wird.

Um den Ort des Geschehens zu erreichen, nimmt man ganz einfach die U-Bahn bis zur Station Nagatacho. Dort wühlt man sich einige Minuten durch das Tokioter Straßen- und Verkehrschaos, bis man ein gelbes, sechsstöckiges Backsteingebäude erreicht, an dem in chinesischen Schriftzeichen "Sabo Kaikan Hall" zu lesen ist. Im Erdgeschoß bietet die "Cafeteria Hana" ein westliches Menü an: "Pasta, Sandwich, Crepe, Salad" steht in grünen Buchstaben auf der Fensterscheibe.

In dem unscheinbaren Haus trafen sich in den vergangenen Tagen Japans mächtigste Politiker, um über die Nachfolge Kanemarus zu entscheiden. Den Japanern verdarben die Fernsehbilder aus Nagatacho die bequeme Vorstellung, daß sich das Schicksal ihrer Nation in den postmodernen Glitzertempeln der bewunderten Großkonzerne und den schlichten Zweckbauten der Tokioter Ministerien entscheiden würde. Denn in Nagatacho, so weiß die Volksmeinung, hören die Politiker weder auf umsichtige Unternehmer noch auf kluge Beamte. Hier sind sie unter sich.

Die Ereignisse nahmen eine überraschende Wendung: Trotz langwieriger Gespräche bis in die frühen Morgenstunden erbrachten die Treffen in der Sabo Kaikan Hall keine Übereinstimmung. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren konnte sich die größte Fraktion innerhalb der LDP nicht auf einen von allen akzeptierten Vorsitzenden einigen. Schnell zog dies die Spaltung ausgerechnet jener parteiinternen Gruppierung nach sich, deren Zusammenhalt alle großen Skandale ohne Schaden überdauert und damit für die sprichwörtliche Kontinuität der Tokioter Regierungsgeschäfte gesorgt hatte. Jetzt wurde aus dem Skandal um Kanemaru tatsächlich eine Krise: Nagatacho war plötzlich führerlos und die Partei im Herzen zerbrochen.