Von Richard von Weizsäcker

Am Sonntag sind in Berlin dreihunderttausend Demonstranten zusammengekommen, um Zeugnis zu geben für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, für ein friedliches Zusammenleben von Deutschen und Ausländern, gegen die Gewalt und für den Anstand. Diese Demonstration wurde durch die Gewalt weniger Extremisten schwer gestört.

Was haben die Gewalttäter erreicht? Menschen, die voller Hoffnung aus allen Teilen Berlins und allen Richtungen Deutschlands zusammenkamen, empfanden vor allem ein tiefes Gefühl der Trauer. Eine mögliche Folge von Trauer ist Resignation. Ihre bessere Möglichkeit liegt in der Klarheit, wie die Lage wirklich beschaffen ist, und in der Kraft, sie zu meistern.

Diese Demonstration hat die Lage aufgedeckt, wie sie ist. Sie hat bewiesen, daß es höchste Zeit ist, extreme Gewalt in die Schranken zu verweisen. Das Bekenntnis der 300 000 ist durch die blinde Wut der 300 Extremisten nur wertvoller geworden. Wir wollen es gemeinsam wachhalten.

Die Demonstranten waren nicht nur gekommen, um die Meinung des Bundespräsidenten zu hören. Sie haben sich auf die vielfältigste Weise selbst geäußert. Ihre Botschaft konnte nicht gestört werden. Sie richtete sich an die Politiker aller Parteien, an den Staat, und sie lautet: Nehmt eure Verantwortung wahr und handelt.

Zu lange haben politische Parteien das Asylrecht für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versucht. Dies wird von der Bevölkerung nicht mehr hingenommen werden. Sie verlangt von den gewählten Politikern, daß sie tun, was ihres Amtes ist: sich nicht primär um die Macht, sondern um den richtigen Weg zur Lösung des Problems zu streiten; ihre Standpunkte nicht aus Furcht vor Gewalttätern neu zu orientieren, sondern an der Verfassung zu messen, bereit zu sein zum Konsens und zum Kompromiß aller Demokraten.

Die 300 000 Teilnehmer der Kundgebung in Berlin sind nicht vor der Gewalt zurückgewichen. Sie haben eine eindrucksvolle und notwendige Mahnwache gehalten für die Unantastbarkeit der Menschenwürde in Deutschland.