Von Martin Klingst

Bonn

Drei Eigenschaften, die Walter Koisser schon vor vielen Jahren im afrikanischen Busch weitergeholfen haben, nützen ihm auch jetzt bei seiner Arbeit als Vertreter des UN-Flüchtlingshochkommissars in Deutschland: Freundlichkeit, Ausdauer und Beharrlichkeit. Diese Charakterzüge hat der gebürtige Österreicher "keineswegs schon mit der Muttermilch eingesogen", sondern sich "unter Afrikas glühender Sonne" erst mühsam angeeignet. Ohne diese Tugenden hätte Koisser Mitte der achtziger Jahre keinen Äthiopier dafür gewonnen, Land und Wasser mit Hünderttausenden von Flüchtlingen aus dem Südsudan zu teilen. Und ohne sie würde er sich in der lauten und aufgeregten Bonner Debatte über das Asylrecht kaum Gehör verschaffen können.

Doch Walter Koisser wird gehört, selbst von Menschen, die seinen Standpunkt ablehnen. In Bonn hat er inzwischen zu allen Parteien Kontakte geknüpft – auch zur CSU, die ihn sogar zu ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende eingeladen hatte. Beharrlich spricht er jeden, den es angeht oder der sich dafür interessiert, auf die vielen Ursachen der Flüchtlingswanderungen an: auf Terror, Unterdrückung, Krieg, Armut, Hunger und Naturkatastrophen. Freundlich, aber bestimmt versucht er ihnen klarzumachen, daß kein Land dieser Erde die Probleme allein bewältigen kann. So zu überzeugen ist nicht ganz einfach in einem Land, wo täglich Steine auf Ausländer geworfen werden und Politiker von "Staatsnotstand" reden.

Walter Koisser sieht dennoch nicht schwarz. Hunderttausende Deutsche, meint er zuversichtlich, hätten am Sonntag in Berlin ein "mutiges und richtiges Zeichen" gesetzt. Er wäre "liebend gerne mitmarschiert", mußte aber daheim krank das Bett hüten. Außerdem ist Koisser von Berufs wegen Optimist, "sonst könnte ich meine Aufgabe gar nicht erfüllen. Wir müssen alle lernen, über den Grenzzaun hinaus zu denken."

Schwierige Aufgaben haben den 57jährigen noch nie abgeschreckt. Als viele Tausende von Menschen Hals über Kopf den Südsudan verließen, palaverte er in einem kleinen äthiopischen Dorf tagelang mit alteingesessenen Stammeshäuptlingen und löffelte dabei höflich manch ungenießbaren Brei. "Am Ende hatten wir es ausgesessen und fanden eine Lösung, die allen gerecht wurde."

Nun ist Europa nicht Afrika und Deutschland nicht Äthiopien. Koisser weiß, daß Elendsflüchtlinge die Bevölkerung in dichtbesiedelten, hochindustrialisierten Gegenden vor besondere Schwierigkeiten stellen. Aber mittlerweile ist es gerade diese Aufgabe, die ihn in Deutschland reizt. Vor vier Jahren rief die Genfer UNHCR-Zentrale ihren Mitarbeiter aus dem Sudan nach Bonn. Er kam in ein Land, das schon damals die ständig wachsende Zahl von Asylbewerbern beklagte. 1988 waren es 103 000. Koisser konnte und wollte nicht verstehen, warum schon diese geringe Zahl den Deutschen zu schaffen machte. Weltweit waren damals immerhin achtzehn Millionen Menschen auf der Flucht. Allein der kleine afrikanische Staat Malawi hatte eine Million aufgenommen – "und zwar ohne zu fragen, ob die Frauen, Männer und Kinder irgendeinen Flüchtlingsstatus erfüllten".