Triumph und Trauer hielten sich am Ende die Waage im Auf und Ab des Lebens von Alexander Dubček. Wie kein anderer ehemaliger Kommunist verkörperte er noch das "menschliche Gesicht" eines Sozialismus, als der sein Gesicht schon verloren hatte. Als Chef einer Parteidiktatur erklärte er im "Prager Frühling" 1968 die Tschechoslowakei "reif für die Demokratie" – zwanzig Jahre nach deren Untergang und zwanzig Jahre vor ihrer wirklichen Auferstehung. Mit Tränen der Wut hat er nach der sowjetischen Intervention vor den Herren des Kreml auf den Tisch geschlagen, mit Tränen der Freude im St.-Veits-Dom zu Prag sich als demokratischer Parlamentspräsident "einsegnen" lassen. Als dann die Wirren der Wende auch seinen Idealismus an der Wirklichkeit zerrieben, machte ein banaler Verkehrsunfall dem Leben des Siebzigjährigen ein langes, qualvolles Ende.

So blieb Dubček die letzte zwiespältige Erfahrung erspart: die bevorstehende Trennung zwischen Tschechen und Slowaken, die er nicht wollte, wenngleich er sich auch als slowakischer Patriot fühlte. Eine Art unglücklicher politischer Liebe verband ihn von Jugend auf mit seiner Heimat wie mit dem "Vaterland aller Werktätigen", der Sowjetunion. Mit seinen Eltern, die eine glücklose Emigration in die Vereinigten Staaten hinter sich hatten, war Dubček nach Rußland ausgewandert, hatte in Gorkij das Schlosserhandwerk gelernt und einen stalinistischen Kinderglauben.

Das Gespenst des "bürgerlichen Nationalismus", das auch slowakische Kommunisten vor stalinistische Schautribunale brachte, schreckte Dubček wenig, weil er sich in der Internationale der Genossen aufgehoben glaubte. Zumal, als man ihn 1955 für drei Jahre auf die Moskauer Parteihochschule schickte. Hier aber erlebte er den heilsamen Schock der Entstalinisierung durch Chruschtschow. Mit dem Keim des Zweifels wuchs die Erkenntnis, daß man, wenn eine Kluft zwischen Volk und Partei entsteht, "die Partei ändern muß, weil sich das Volk nicht auswechseln läßt". So formulierte er später, als er schon Hoffnungsträger und Symbolfigur einer Systemreform geworden war, deren Risiken für das Regime er unterschätzte. Oder hatte er – ohne sich dessen bewußt zu sein – ebendieses Regime schon so weit hinter sich gelassen, daß einfaches, klares Gefühl das politische Kalkül verdrängte?

Da lud Dubček gleichsam als Antwort auf massive sowjetische Interventionsdrohungen zwei kommunistische Erzketzer nach Prag. Am 9. August 1968 kam Tito, am 15, August Ceauşescu, dem er auf der Prager Burg einen glänzenden Empfang gab. Sechs Nächte danach marschierten die Russen ein. Doch auf dem Wenzelsplatz demonstrierten an diesem Abend noch freiheitstrunkene Menschen und sammelten Unterschriften für die Forderung, die unpopuläre "Volksmiliz" aufzulösen.

"Ach, ich weiß nicht.. .", sagte Dubček und drehte etwas gequält sein Weinglas in der Hand, während er mit uns Journalisten plauderte. Er habe seine Frau auf den Wenzelsplatz geschickt, um den Leuten klarzumachen, daß ja die Volksmiliz "für und nicht gegen Dubček ist. Und überhaupt: Polizisten sind doch kein Argument – ich will das einfach nicht mehr!" – Eifrig schrieb es auch ein sowjetischer "Journalist" in sein Notizbuch. "Geht also der Weg in Richtung Demokratie wie im Westen?" fragte er hinterhältig. – "Aber nein! Mißverstehen Sie mich doch nicht!" rief Dubček.

Verstand er selbst, wohin sein Weg ging? In der Naivität, die ihm Kritiker vorwarfen, steckte der Instinkt eines schlichten, gleichwohl visionären Gemüts, das sich dagegen wehrte, die Welt noch länger falsch zu interpretieren, statt sie endlich zum Guten zu verändern. So bäumte sich sein enttäuschtes Gefühl auch dann noch auf, als er sich – nach Moskau verschleppt – dem sowjetischen Diktat beugen sollte. Nur eine Injektion von Beruhigungsmitteln brach Dubčeks Widerstand und Empörung.

"Ich habe keinen Grund, mir Asche aufs Haupt zu streuen. Die einen meinen, ich hätte schneller vorangehen sollen, die anderen meinen langsamer. Nach der Schlacht sind alle große Strategen", sagte er zwanzig Jahre später. Inzwischen hatte man ihn für zwei Jahre als tschechoslowakischen Botschafter in die Türkei geschickt. Er empfand es als Ironie einer Geschichte, die nicht zu Ende war. Auch nicht, als er zehn Jahre lang, in einer Forstverwaltung in Bratislava, verschwand.