Erst 1914, im Alter von 56 Jahren, erhielt Georg Simmel, einer der produktivsten und innovativsten sozial und geisteswissenschaftlichen Autoren seiner Zeit und Hochschullehrer von legendärem Ruf, eine Professur. Doch nicht in Berlin, wo er aufwuchs und Jahrzehnte als Privatdozent gewirkt hatte, wurde er berufen, sondern in die akademische Provinz, nach Straßburg. Nicht nur die jüdische Abstammung störte die deutschnationalen Universitätshonoratioren, sondern ebenso der vermeintlich typisch jüdische, freie, assoziative, gerade deshalb für seine Hörer so attraktive Gedankengang von Simmels Vorlesungen. Und nicht zuletzt entsetzte man sich darüber, daß russische und polnische Jüdinnen in diese Veranstaltungen strömten. Fremdartig also erschien dem akademischen Establishment des Kaiserreichs an Simmel eigentlich alles: die Herkunft, die frei schweifende, in vielen geistigen Regionen beheimatete Reflexion, seine kosmopolitische, dazu noch feminin gefärbte Zuhörerschaft.

Den knappen, nur ein paar Seiten umfassenden "Exkurs über den Fremden", der 1908 in Simmeis "Soziologie" erschien, hat man als Ausdruck von

In der Ausgabe der ZEIT vom 30. Oktober 1992 ist das Autorenphoto von Heinrich Fichtenau bedauerlicherweise vertauscht worden. Das Bild zeigt den Sozial- und Wirtschaftshistoriker Wilhelm Treue, der am 18. Oktober im Alter von 83 Jahren in Göttingen verstorben ist. Sein letztes Werk "Eine Frau, drei Männer und eine Kunstfigur" (Verlag C.H. Beck) wurde vorgestellt von Rebekka Habermas in der ZEIT Nr. 34 vom 14. August 1992.

Von Andreas Kuhlmann

Simmels eigenem sozialen Schicksal verstanden. "Der Fremde", so schreibt Simmel in seinem berühmt gewordenen, dicht formulierten Text, ist nicht "der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern der, der heute kommt und morgen bleibt." Simmel interessiert die Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne im "Wechselverhältnis" zwischen den Einheimischen und den Fremden. Der fremde Händler etwa, der sich niederließ, kommt als der "schlechthin Bewegliche gelegentlich mit jedem einzelnen Element in Berührung, ist aber mit keinem einzelnen durch die verwandtschaftlichen, lokalen, beruflichen Fixiertheiten organisch verbunden".

Da der Fremde zugleich fern und nah, gleichgültig und engagiert ist, erlaubt ihm sein Status eine besondere Objektivität. Deshalb werden gerade ihm Geheimnisse anvertraut und wird er gelegentlich sogar zum Schiedsrichter bestellt. Diese Objektivität, die Distanz gegenüber den besonderen Loyalitäten innerhalb einer Gesellschaft, machen ihn aber auch verdächtig. Wenn es zu sozialen Unruhen kommt, so wird er zuallererst der Verschwörung bezichtigt.

In ihrem informativen Aufsatz über Simmeis "Exkurs über den Fremden" erläutert die Berliner Ethnologin Almut Loycke, daß Simmel, lange bevor er in Deutschland wissenschaftliche Anerkennung fand, wesentlich das Entstehen der modernen amerikanischen Soziologie beeinflußte. Im Einwanderungsland USA regte nicht zuletzt Simmels Text über den Fremden zahlreiche Studien über die Wirklichkeit der heute sogenannten multikulturellen Gesellschaft an. Der Widerhall, den Simmels Überlegungen in der Ferne fanden, ist eine kraftvolle Bestätigung seiner Feststellung, daß der Fremde zu einer besonderen Objektivität des Urteils befähigt sei. Um zu dokumentieren, welch produktive Forschung durch Simmel beeinflußt wurde, hat Loycke in ihren Band zwei Arbeiten aus der angelsächsischen Sozialanthropologie aufgenommen – aus einer Disziplin also, die es charakteristischerweise so in Deutschland nie gab. Julian Pitt-Rivers hat in seiner Studie über das "Gastrecht" die verschiedenen Formen ritueller Eingliederung des Fremden in vormodernen Gesellschaften untersucht. Die von der sakralen Moral vorgeschriebene, aber stets vorläufige Aufnahme des Fremden als Gast ließ nicht etwa die Furcht gegenüber dem Fremden verschwinden, sondern regulierte und zivilisierte lediglich die Art und Weise, mit ihm umzugehen. In Meyer Fortes’ Text "Fremde" geht es um den unterschiedlichen rechtlichen Status der Fremden als Voraussetzung der möglichen oder nicht möglichen gesellschaftlichen Eingliederung.