Was der Kanzler an Angela Merkel, die als sein Ziehkind gilt, vor allem schätzt, wird dieser Wille und die Perspektive sein. Wie wir denn die globalen Menschheitsprobleme meistern wollten, fragte die Bonner Ministerin für Frauen und Jugend auf der Herbsttagung des Politischen Clubs in der Evangelischen Akademie Tutzing, wenn wir schon bei den Einheitsaufgaben nicht die nötige "Lernfähigkeit und Beweglichkeit" bewiesen? Ihre kühle Frage erstickte jede Weinerlichkeit auf der Stelle. Und keine Chance hatte auch jede westliche Leutseligkeit. In der alten Bundesrepublik, diagnostizierte die Ministerin, sei es mit persönlicher Risikobereitschaft, individuellem Verantwortungsbewußtsein und Sinn für das Gemeinwohl immer schlechter bestellt.

Es war ein rundum gelungener Einfall des Clubleiters Klaus Bölling, zu der Tagung nur weibliche Referenten zu bitten. Sie verstärkten, was sich bei den deutsch-deutschen Disputen allmählich als Einsicht ausbreitet: daß bei der Bearbeitung des so dicken Brettes Geduld und Augenmaß nötig sind, daß es fürs erste nicht um gleiche, sondern vergleichbare Lebensverhältnisse und Zumutungen geht und daß, vor allem, eine wilde Aufholjagd Ost hinter West nur die ohnehin so bedrückenden menschlichen Kosten weiter in die Höhe triebe, die, von der Arbeitslosigkeit bis zu allen sozialen und psychischen Anpassungsproblemen, mit der Einheit verbunden sind.

Mehr noch: Nach der ersten Überwältigung, Unsicherheit und Hilflosigkeit wächst gegenüber dem Westen östliches Selbstbewußtsein. Noch äußert es sich eher negativ – etwa in der vehementen Kritik am westlichen Konsumismus, wie sie zum Beispiel Lothar de Maizière kürzlich in Potsdam auf einem Forum der (östlichen) "Deutschen Gesellschaft" vortrug. Und von einer "moralischen Mitleidswalze", wie es in Potsdam hieß, will man überhaupt nichts wissen.

In Tutzing wiederum war es die brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt, die den Westdeutschen die Leviten las, zum Beispiel wegen ihrer Gedächtnislosigkeit gegenüber den schweren Reparationshypotheken durch die Sowjetunion, mit denen die DDR einst habe anfangen müssen. Mögen sich die Ausbrüche der heiligen Johanna der deutschen Einheit auch manchmal überschlagen, so spiegeln sie doch die östliche Lebenswirklichkeit wider – eine Wirklichkeit, in der Arbeitsplätze bisher kein "Job", sondern ein Ort sozialer Erfüllung und Identität waren. Um so verheerender ist ihr Verlust.

Das beginnt der Westen allmählich zu begreifen. Die Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel oder die Publizistin Cora Stephan trugen keine weiße Salbe auf, als sie in Tutzing von der bewundernswerten Kraft und Gelassenheit der neuen Mitbürger sprachen. Um so mehr möchte man wünschen, daß sich dieser Respekt auch in Treuhand-Entscheidungen niederschlägt. Immerhin führt er im Westen zur Ehrlichkeit: etwa zu dem sympathisch offenen Bericht der Bundestagsvizepräsidentin Renate Schmidt, wie sehr sie sich mit dem anderen Teil Deutschlands erst habe vertraut machen müssen und wie sehr ihre Freude über den "Wiedergewinn" noch eine reine Kopfgeburt sei.

In welchem Maße die Bonner Politik bislang der Bequemlichkeit der Wessis Rechnung trägt, das wurde, wie in Tutzing von der Berliner Politik-Professorin Gesine Schwan, auch auf dem Potsdamer Forum gerügt. Aber hier wie dort gab es deshalb keine Wehklagen, vielmehr Pragmatismus und nüchternen Realitätssinn, gerade bei den Frauen. Und Anzeichen für ein Ende des psychischen Ost-West-Gefälles. Sie schäme sich keineswegs, "DDR gewesen zu sein", sagte in Potsdam die Schriftstellerin Helga Königsdorf. Im Jahre zwei der deutschen Einheit, das legen die Diskurse in Tutzing wie in Potsdam nahe, beginnen neue westliche Nachdenklichkeit und neues östliches Selbstbewußtsein eine nützliche Verbindung einzugehen. Carl-Christian Kaiser