Orpheus steigt herab – Seite 1

"Townes Van Zandt ist der beste Songschreiber der Welt, und ich stelle mich in meinen Cowboystiefeln auf Bob Dylans Kaffeetisch und sage das."

Steve Earle

Dumm, sagt er, peinlich. "Bob Dylan fand das genauso blöd wie ich." Die Firma Rounder Records wollte den Absatz von "At My Window" befördern und klebte obiges Zitat auf die Platte. Vielleicht hat das sogar geholfen; Dylan kennt ja jeder. Daß Townes Van Zandt kaum einer kennt, ist seinen Fans ganz lieb. So muß man ihn nicht teilen. Umringt von polygamem Pop, bleibt Van Zandt seinen Treuen ein Treuer.

Das Photo machen wir später. Er wird die schwarze Hornbrille absetzen, sich aus dem Fischgrätenmantel pellen, das Ginglas fortschieben ("Sonst sieht das meine Frau"). Dann wird er lächeln für das Bild. "Ich hatte mein Lebtag Probleme. Bin durch Feuer und Wasser gegangen, durch Alkohol, ach, alles. Ich war in nevernever-land."

Geboren 1944 in Fort Worth. Der Vater ein oil man die Eltern reich, aber mobil. Von Westtexas nach Montana zog die Familie, nach Colorado, Illinois, Minnesota, dann zurück nach Texas. Kindheit: im Radio immer Hank Williams. Dann im Fernsehen Elvis. Die große Schwester fiel in kreischendes Entzücken. Townes erkannte: Dies ist die Offenbarung. Der Vater versprach ihm zu Weihnachten eine Gitarre, wenn er "Freulein" lernte. Freulein, Freulein, you are my pretty Freulein.

Amerikas Mythologie kennt zwei Sorten Mensch. Die einen bleiben. Der andere, ein Singular, geht fort, durchmißt den Raum des Reiches und die Zeiten, kämpft, leidet, stirbt oder kehrt zurück, die Taschen voll Gefahr. Finger laufen dunkelwärts / Mitternacht in Sinnen / sammle dir dein Gold ans Herz / Mondschein, Narr, ist drinnen / greifst du es und trägst es heim / schmelzen deine Hände / so laß diesen Traum allein / such ein andres Ende.

Townes trampte jahrelang durchs Land, lebte in Houston und New York und in Colorados Bergen. "Wenn der Schnee kam, bin ich hinuntergeritten und habe mit den Minenarbeitern gespielt und getrunken." Er sang in rohen Spelunken – witzige talking blues, mehr Notwehr als Bekenntnis. "Ich fragte Lightnin’ Hopkins: ‚Sir, was ist Blues?‘ Er sagte: ‚Die Kreuzung von Grün und Gelb.‘"

Orpheus steigt herab – Seite 2

Sein erster wirklicher Song war "Waiting ’round To Die", über das Streunen und Saufen und weitere Arten, den Tod zu erwarten. "Ich war ein fahrender Sänger. Damals konnte man noch irgendwo hinkommen, am Mittwoch vorspielen, am Freitag auftreten für zwanzig oder vierzig Dollar. Was genug war. Heute brauchst du eine Platte und mußt Monate im Voraus buchen." Ein Freund rief ihn nach Nashville. Dort machte er zehn Platten und blieb weidlich unbekannt, bis Doc Watson "If I Needed You" übernahm und Emmylou Harris 1977 "Pancho & Lefty", den Outlaw-Song, der heute noch in Austin eine Hymne ist.

Billy Graham, sagt Van Zandt, sei eigentlich der Koautor. "Ich war in Dallas zur selben Zeit wie Graham und irgendein Guru: Graham hatte eine halbe Million Publikum, der Guru nochmal die Hälfte und ich sieben Säufer aus der Unterstadt. Im Kreis von fünfzig Meilen gab es kein Hotel. Ich landete dann irgendwo draußen in einem Schuppen ohne Fernseher und Coke-Maschine, und der Swimmingpool hatte einen Riß. Ich mußte schreiben, dank Billy Graham."

Schreiben ist für Van Zandt eine Qual. Es kommt über ihn. Es stürzt herab, braust auf; er rast und kommt kaum hinterher. "Bei ‚Mr. Mudd und Mr. Gold‘ hatte ich keine Ahnung, was ich überhaupt schrieb", nachts um drei in South Carolina. Um Ruhe zu finden, hätte er sich "manchmal am liebsten die Hände abgehackt". Dann Stille, lange nichts. Sein letzte Studioalbum stammt von 1987. Für ein neues hat er sieben Songs beisammen. Drei sucht er noch. Er möchte über Aids schreiben und weiß nicht, wie. "Es darf nicht bevormundend klingen."

Es scheint, als sei Townes Van Zandt nie jung gewesen. Der Rebellion entzog er sich durch Flucht. "Ich war mehr ein trauriger als ein zorniger junger Mann." Woher die Düsternis? "Weil die Sonne verbrennt. Alles, was ich liebte, starb. Und wenn nicht, so würde es sterben. So läuft die Welt, und es bricht dir das Herz." Leih mir Lungen, bitte ich / meine wollen sterben / stehe starr und bitterlich / atme Zeit in Scherben / atme her und atme hin / bete, daß kein Gift im Tag / rings ist Leben, und ich bin / einsam, unentschieden, zag.

Später lehrte er sich Dankbarkeit. "Als ich älter wurde und klüger, lernte ich Respekt für das, was mir gegeben wird. Ich bin kein mißverstandener Mensch. Ich habe eine großartige Frau, zwei großartige Söhne (23 und 9) und eine Tochter." Die ist erst acht Monate alt, jedoch gleichfalls bereits großartig. "Ich könnte nicht glücklicher sein", sagt Townes und verbessert: "Nicht mehr gesegnet." Albert Schweitzer ist sein Held. "Wenn Albert nicht im Himmel ist, kommt überhaupt keiner rein." Van Gogh dürfte es auch geschafft haben.

Die Wanderjahre sind vorbei. "Ich muß nicht mehr losziehen, Mädchen suchen, trinken. Ich bin drüber weg. Ich brauche das Zeug nicht mehr." Manchmal geht er noch in Clubs, wenn Freunde spielen – Guy Clark oder John Prine. Er lebt in guitar town Nashville, obwohl er eigentlich nach Austin/Texas gehört, in die Residenz der Folk-Poeten.

Aufs business verwendet er kaum Energie. Ein bißchen Zeit müsse man investieren; sonst werde man betrogen. Natürlich lebt auch Townes Van Zandt von der Country-Industrie und den Tantiemen berühmter Kollegen, die seine Songs zu schönen Fremdlingen machen, was ihm gestattet, in kleinen Clubs zu spielen, wann immer er Lust hat oder keine. "Seine Songs sind die Antithese alles Industriellen", schrieb Paul Zollo. "Er hält sich außerhalb der Maschinerie, und das macht seine Musik unabhängig vom Markt." Wer’s fühlt, ist frei, auch wenn er’s nicht hat. Townes’ archaische Welt wird gedeckt von allen, die wünschen, seine Freiheit möge ihre sein: Rockfans ohne Lust auf Jugendkult; großstadtmüde Seelen; bukolische Ami-Anarchos; tröstliche Denker, die gern Dichter wären; Dichter, die gern sängen. Ein Markt auch sie? Nicht seine Kreaturen.

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Denn Townes Van Zandt ist Schöpfer. "Wenn ich schreibe, gibt es nur mich und den Kosmos." Das sucht und fürchtet man doch allermeist: aus dieser Welt der Interdependenz herauszufallen, verlassen von allen guten und bösen Geistern. "Du muß allein sein. Du mußt bereit sein, wenn ein Song kommt." Non but the rain und Snowin’ on Reton, Himmel und Erde, dazwischen der singende Mann: Barlachs Bild. Hoch, tief kommen die Tage zur Welt / wie Regen auf eine Trommel fällt / vergiß, verliere jedes Wort / aber jage nichts fort / Leben ist Fliegen / oben, hienieden / aus Schwingen und Augen / wirf Staub und den Schlaf.

Das Café füllt sich. Gläser scheppern, Stimmen klirren, die Espressomaschine schreit. Van Zandt wird leiser. "Respekt", sagt er, "Dank"; es wird Zeit für letzte Worte. "Der Schlüssel ist Dankbarkeit. In jedem Song steckt Hoffnung. Ich bin kein Missionar im Licht mit der Gitarre. Ich bringe nur’zusammen." Um messianische Verwechslung glaubhaft zu vermeiden, erzählt er noch einen Witz: "Was ist das: hat vier Beine und einen Arm." – ?? – "Ein Rottweiler."

It’s nice to make a new friend, schreibt er auf die Kassette. Take care!, und malt die Welt dazu: eine Straße, einen Berg, einen Kaktus, keinen Rottweiler. Schon ist er weg, hinaus in den klammen Berliner Herbstabend. Sechs Stunden später, längst nach Mitternacht, steht Van Zandt auf der kleinen Bühne des "Quasimodo".

Wie er singt, dunkel, schleppend, hingehockt auf seinen Stuhl, da fühlt man irgendwie, dieser große dürre Mann sei in Gefahr. "Our Mother the Mountain" kommt, "Tecumseh Valley", "Dead Flowers" von den Stones, Springsteens "Racing In the Streets", das sterbensschwarze "Nothin’". Nach anderthalb Stunden geht er, wird herausgebrüllt, singt "Two Girls", geht, muß wiederkommen, singt "Flyin’ Shoes", geht.

In solch kalter Nacht zog Townes Menschensohn durch die Straßen von New York, 600 Dollar Gage in der Tasche, in Zwanzigernoten, ging vorbei an den Bettlern und bums von Manhattan und gab jedem einen Schein – jedem, der wach war. Darum wachet! Orpheus steigt herab.

Dann sitzt er hinter der Bühne, müde und verloren. Jetzt geh’. Jetzt verschwinde. Fremd ist er und leer, bis das Glas sich wieder füllt. Er läuft über dünnes Eis. Und siehe, es trägt.