STUTTGART. – Wenn das Geld knapp wird, kommen Familienväter zuweilen auf gemeine Ideen, um die strapazierten Haushaltskassen zu schonen. Da müssen die Kinder plötzlich nacheinander ins selbe Badewasser, die elektrische Weihnachtsbaumbeleuchtung wird eine Stunde früher abgeschaltet, Theaterabende werden einfach gestrichen, und manchmal, wenn es ganz schlimm kommt, wird sogar die Notwendigkeit des eigenen Wagens für jedes erwachsene Familienmitglied hinterfragt. Doch so gemein können nicht nur Familienväter sein, sondern auch Stadtväter: Oberbürgermeister Manfred Rommel zum Beispiel.

Damit keiner denkt, die Schwaben sparen nur wieder bei den Kleinen, fangen wir mit den Großen an: Sechs der acht Bürgermeister in Stuttgart müssen sich künftig jeweils zu zweit einen Fahrer teilen. Bisher hatte jeder Bürgermeister einen eigenen Wagen samt Fahrer gestellt bekommen, von Januar an werden drei eingespart. Um 750 000 Mark soll dies immerhin den ursprünglich auf 1,9 Millionen Mark veranschlagten Posten im Haushaltsentwurf reduzieren. Einen exklusiven Chauffeur bekommen nur noch der Erste Bürgermeister und natürlich der Herr Oberbürgermeister. Aber das schlechte Gewissen scheint an Rommel schon zu nagen: Nach nur einer halben Stunde verließ er letzte Woche den Landespresseball mit dem Hinweis, die Stadt könne die Überstunden für seinen Fahrer nicht mehr bezahlen.

Doch nun zu den Kleinen, zum Beispiel zu denen, die zu Hause kein Bad haben. Regelmäßig, einmal in der Woche, geht die 74jährige Hildegard M. mit einem Handtuch und frischer Wäsche in ihrer Einkaufstasche durch das bescheidene Stuttgarter Rotlichtviertel. Fast schon am Ende der schmuddeligen Leonhardsstraße biegt Hildegard M. in einen Hauseingang ein. "Städtisches Wannen- und Brausebad", steht darüber. Weil die alleinstehende Frau Angst davor hat, zu Hause in der Dusche auszurutschen, ist sie Stammkundin bei Brigitte Zügel, die schon seit zehn Jahren in immer blütenweißer Kittelschürze über das blitzsaubere städtische Wannenreich wacht. Fünf Mark fünfzig kostet hier ein Vollbad, vierzig Pfennig eine Fichtennadel-Brausetablette. Im vergangenen Jahr mußte die Stadt rund 31 000 Mark zuschießen, damit die 3624 Benutzer des Bades nicht ungewaschen wieder nach Hause gehen mußten. Zuviel des Luxus: Noch im November wird das Leonhardsbad dichtgemacht.

Als Ersatz für das einzige Wannen- und Brausebad stehen mittlerweile Wannen und Duschen in Hallenbädern zur Verfügung. Hildegard M. sieht ihrer Bade-Zukunft in der Reinigungsabteilung eines Schwimmbades jedoch mit Bangen entgegen. Da könne man nichts machen, meint der zuständige Leiter des Kur- und Bäderamtes, schließlich seien die Nutzerzahlen rückläufig.

Nutzerzahlen hin oder her, Brigitte Zügel nennt es "einfach ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen, sich zu waschen, und das Recht dazu sollten alle haben". Hildegard M. findet, die Stadt stelle sich selbst ein Armutszeugnis aus, wenn sie ein Bad schließe, das erst vor zehn Jahren von Grund auf renoviert und zudem so gut gepflegt worden sei. Was mit den Räumlichkeiten und der Ausstattung des Leonhardsbades geschieht, weiß noch niemand. Ob sie verkauft werden, um das Stadtsäckel aufzubessern? "Wenn man die Wannen und die Fliesen wegschlägt, kann man sie eh vergessen", meint der Amtsleiter. Die Stadt muß offenbar sparen, koste es, was es wolle.

Es kostet vor allem die Kleinen und nicht zuletzt die kleinen Theater. Für das in Deutschland einzigartige kommunale Variete-Theater kam bereits im Oktober das endgültige Aus. Ob in drei weiteren kleinen Theatern der Vorhang demnächst zum letzten Mal fällt, soll bis Ende November entschieden werden. Der zu erwartenden Schelte baute Oberbürgermeister Rommel bereits in einem offenen Brief an die Stuttgarter Zeitung vor. Darin schreibt er: "Da mir bewußt war, daß alles Irdische außer der Dummheit nur in begrenztem Umfang vorhanden ist, habe ich mich zusammen mit dem Kulturamt und dem Gemeinderat bemüht, Prioritäten zu setzen."

Dies ist zweifellos unverkennbar. Doch eins zumindest haben die städtischen Spar-Prioritäten gemeinsam: In Stuttgart gehen die Lichter aus. Und weil man im Dunkeln billiger lebt, wird nun auch vor der Festbeleuchtung der städtischen Weihnachtsbäume nicht haltgemacht. Während im vergangenen Jahr noch knapp vierzig lichterkettenbehängte Bäume die Herzen der Weihnachtseinkäufer erwärmten, will die Stadt in diesem Jahr 100 000 Mark sparen: Sie wird nur noch vier Weihnachtsbäume aufstellen lassen. Düstere Zeiten. Katja Marx