Von Jochen Vorfelder

Durres, Albanien. An einer Ausfallstraße liegt das Gelände einer landwirtschaftlichen Kooperative. Zwei Hallen ohne Verputz, ein Bürogebäude, ein turmähnliches Gebilde – und ein Flachbau, den die staatliche Handelsgesellschaft Eksimagra als Lager nutzt: Kreuz und quer liegen dort rund dreißig Fässer mit Pestiziden aus Ex-DDR-Produktion, Giftklasse A 1. Aus manchen der Fässer leckt es, beißende Schwaden greifen die Schleimhäute an. Auf dem Betonboden kristallisiert ein gelblich schimmernder Cocktail aus. Vor dem Schuppen liegen neun Fässer im Staub. Die Sonne hat die Behälter aufgebläht, der Regen hat sie rosten lassen. Die Etiketten sind kaum noch zu entziffern – Trizilin 25, hergestellt von der VEB Laborchemie Apolda in 7033 Leipzig, Angerstraße 32.

Der einzige, der sich hier mit den Fässern auskennt, ist ein Besucher: Alexander Kolazi. Kolazi leitet die Pflanzenschutzabteilung beim Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung in Tirana und ist mit der Last betraut, die leidgeprüfte albanische Landwirtschaft über den Winter und bis zur nächsten Ernte zu bringen. Albanien erhält derzeit aus vielen Ländern Hilfslieferungen, doch mit der deutschen Charge Pflanzenschutzmittel im Eksimagra-Lager ist Kolazi nicht zufrieden. Er blättert durch die Lieferpapiere: "Sehen Sie. Angeliefert Ende November 1991, aus Deutschland." Kolazi schüttelt zornig den Kopf: "Was hier angekommen ist, war pures Gift." Die Pestizide waren überlagert, längst jenseits des Verfalldatums. Was ihn besonders empört, ist der Vermerk auf einem Beiblatt: humanitäre Hilfe.

Hannover. Geliefert hat die milde Gabe für Albanien keine der bekannten Hilfsorganisationen, sondern die Firma Schmidt-Cretan GmbH aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Geschäftsführer der GmbH mit drei Angestellten, die im Jahr 1985 mit einem Stammkapital von 50 000 Mark ordnungsgemäß eingetragen wurde, ist ein gewisser Radu Cretan. Über die Tochtergesellschaft King Cards betreibt er den "Handel mit Spielkarten, Spielen und ähnlichen Artikeln".

Cretan ist noch in andere "edle Spiele" (Zitat Handelsregisterauszug) verwickelt: Er hat – nachweisbar und im Handelsregister unter dem Vermerk "Aktivitäten in den neuen Bundesländern" angedeutet – einen Liefervertrag mit der Firma Landhandel GmbH in Schwerin geschlossen. Deren Geschäftsführer bestätigt: "Wir liefern an Herrn Cretan ganz legal Pflanzenschutzmittel, die nach dem Einigungsvertrag in den neuen Bundesländern noch bis Ende dieses Jahres gehandelt werden dürfen und in anderen Regionen der Erde auch nutzbar sind. Herr Cretan hat uns versichert, daß die Einfuhrbestimmungen in den Zielländern allesamt eingehalten werden."

Aus albanischer Sicht stellt sich das anders dar: Cretan nahm der Landhandel GmbH seit November 1991 alte Pestizide ab, die spätestens Anfang 1993 nach der deutschen Abfallgesetzgebung als Sondermüll deklariert werden müßten, und verschob sie nach Albanien. Die Geschäftsverbindung ist ein Musterbeispiel für einen florierenden Wirtschaftszweig, von dem wenig bekannt ist: Illegaler Müllhandel. Laut Bundeskriminalamt in Wiesbaden haben allein von 1990 auf 1991 die Fälle von "umweltgefährdender Abfallbeseitigung" um 19,2 Prozent zugenommen; zum Teil seien die Müllschieber so dreist, kontaminierte Erde als Humus zu verkaufen, berichtet Karl Ludwig Mohr, Referatsleiter im Bereich Umweltkriminalität.

Unfreiwillige Abnehmer illegaler deutscher Exporte sind vor allem solche Länder, in denen Umweltbehörden keinen Einfluß haben – wenn es sie denn überhaupt gibt. Beispiele aus Afrika: 1987 wurden in Mali am Ufer des Niger ganze Halden gebrauchter Batterien gefunden, die eine westliche Firma dort abgekippt hatte. 1990 starb der Nigerianer Sunday Nana an Krebs. Er hatte 1988 seinen Hinterhof im Hafen Koko an einen Italiener vermietet, der leckende Fässer mit Industrieabfällen und Chemikalien stapelte. Seit im Februar 1991 einundfünfzig afrikanische Staaten in Bamako, der Hauptstadt von Mali, dem Import von Abfall mit einer Konvention generell den Riegel vorschoben, fließt der Giftstrom nach Polen und in die Länder Südosteuropas. Immer häufiger wird dort bundesdeutscher Sondermüll gefunden.