Nicht einfach. Das gleich vorweg. Ein Bändchen mit "Erzählungen", 90 Seiten, vorne drauf ein Bildchen in Öl, von einem naiven Maler: Mann und Frau stehen in einem Garten, rote und weiße Blumen, eine gelbe Sonne. Der schlichteste aller Titel: "Teetrinken".

Aber das täuscht.

Leonid Dobytschin wurde 1896 im lettischen Dünaburg geboren. Dort wuchs er auf. Dann ging er – von Beruf Ingenieur – nach Petrograd, das seit 1924 Leningrad heißt, das heißt: hieß, und wo er im März 1936 verschwand; ein paar Wochen später zog man den Leichnam aus der Newa. Nur einen Roman hat Dobytschin geschrieben, über jenes Dünaburg in jenen Tagen seiner Kindheit, einen bösen, kleinen Roman, der noch kurz vor seinem Verschwinden erschien: "Die Stadt N". (Übrigens nach einem halben Jahrhundert erzwungenen Nichtvorhandenseins erst vor drei Jahren wiederaufgetaucht, in einer deutschen Übersetzung, im Verlag S. Fischer; dort noch zu haben.) Außerdem zwei Bände mit Erzählungen, mehr nicht.

Aber das täuscht.

Denn jede einzelne dieser dreizehn "Erzählungen", die das Buch "Teetrinken" enthält, enthält in sich wiederum ein ganzes Buch, einen ganzen Roman. Einen auf zehn oder bloß drei Seiten zusammengestrichenen Roman. Einen Roman, den sich der Leser aus abgeriebenen Bildresten, flüchtigen Abdrücken, aus abgebrochenen Sätzen, aus Sekundenskizzen selber ausdenken muß.

Vertrackte Sache also, kein Eisenstein, kein Gorki, nur Bruchstücke noch einer großen Revolution: Wie der Neue Mensch ein bißchen weiterkommt im Leben, wie er sich verliebt und entliebt, wie er so ein bißchen seinen Nachbarn denunziert. Cechovscher Sarkasmus, Bangsche Lakonie. Ohne Pointe, ohne Moral. Alles reduziert, splittrig gemacht, aufs Kleinliche gebracht, aufs Gewöhnliche – Scherbenprosa. ("Mief, Schmutz und üble Gerüche" erschnüffelten Stalins Kunstwarte bei Dobytschin, und das war denn auch schon das Urteil.) Wo bleibt der Zauber dieses Anfangs, fragt da der Panzerkreuzer "Aurora", wo der Aufbruch zur Tat? Wer wagt es, den Sonnenaufgang der Menschheit als Posse zu denunzieren, als Spießers Erwachen?

Das ist Dobytschins Thema: der Untergang der Revolution in der Provinz, der Untergang der Provinz in der Revolution – eines durchdringt, verschlingt das andere. Aus dem Revolutionär erbricht sich der Spießer, im Spießer erblüht der Funktionär: "Unten [im Haus) zupfte Arbeiterkorrespondent Petrow die Saiten seiner Balalaika und sang halblaut düstere Romanzen. In den Ecken dunkelte es. ‚Nikischka‘, sagte Tante Poluschaltschicha und weinte über ihrem Meerrettich, ‚hat ein Leninbild gemalt – eine Augenweide.‘"