Von Günter Dammann

Weil die Sachsen von Natur mit einer glücklichen Erfindungskraft begabt sind, so findet man unter ihnen die meisten Poeten und Romanenschreiber." Der das notierte, und zwar schon im Jahr 1718, als man weder Lessing noch Karl May im Auge hätte haben können, war Johann Michael von Loen, Hesse aus der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, Jurist und Gelehrter sowie Großonkel Goethes (was auch noch in der Zukunft lag). Wohl auf kaum jemanden aus Loens Generation trifft das Urteil besser zu als auf jenen Mann, der, zwei Jahre älter als der Frankfurter Adlige, in diesem Monat vor 300 Jahren geboren wurde: Johann Gottfried Schnabel, Barbier, Zeitungsmann und "Romanenschreiber", Sachse aus Sandersdorf bei Bitterfeld. Loen konnte den Namen seines Zeitgenossen nicht kennen – auch nicht, als dessen Hauptwerk und Erfolgsbuch schon erschienen war: "Die Insel Felsenburg". So bekannt nämlich der Roman, so unbekannt war sein Autor, und zwar fast bis an den Beginn unseres Jahrhunderts.

Es hat viele Gründe, warum niemand wußte, wer die abenteuerliche Familiengeschichte des Albert Julius und seiner Nachkommen auf jenem fiktiven paradiesischen Felseneiland im tiefsten Südatlantik wirklich geschrieben hatte – das Buch, 1731 bis 1743 in vier Bänden erschienen, das in der literarischen Sozialisation des jungen Goethe "nicht gefehlt" hat, das auf Karl Philipp Moritzens Anton Reiser "eine sehr starke Wirkung" tat, das für Ludwig Tieck "dies alte Buch meiner Kindheit" war (weswegen er zur Neuausgabe 1828 eine lange Vorrede beisteuerte) und das schließlich Heinrich Voß, der Sohn des großen Johann Heinrich Voß, wohl nicht ganz ohne Zustimmung des Vaters schlicht und lakonisch ein "Nationalwerk" nannte. Der wichtigste Grund ist natürlich, daß Schnabel das Buch unter Pseudonym in die Welt gehen ließ. Zu einer Zeit, da man sich darin gefiel, als Romanautor Celander, Evander, Melander, Polander oder Talander zu heißen, nannte der Verfasser der "Insel Felsenburg" sich eben: Gisander. Ein zweiter Grund liegt nun allerdings in den Umständen von Schnabels Leben, die lange im Dunkel waren (und es zum Teil immer noch sind).

Erst die Hartnäckigkeit positivistischer Forscher Ende des 19. Jahrhunderts hat Identität und die Haupt-Daten der Biographie "Gisanders" genauer bestimmen können. Seitdem weiß man, daß Johann Gottfried Schnabel am 7. November 1692 in Sandersdorf geboren wurde. Nicht einmal zwei Jahre später sterben beide Eltern. Einen schlechteren Start ins Leben hätte man sich für dieses Kind aus protestantischem Pfarrhause kaum denken können – und dieses Unglück wird, nach dem späteren Werk zu urteilen, ein dauerndes Trauma bleiben. Für 1702 ist die Aufnahme des Jungen in die Lateinschule in Halle belegt. Der Zwanzigjährige hat dann, wie Schnabel selbst berichtet, drei oder vier Jahre lang an den Feldzügen während des Spanischen Erbfolgekrieges in Brabant teilgenommen. Mit einem großen Zeitsprung finden wir ihn später in Stolberg im Harz, wo er 1724 den Bürgereid ablegt als "Hofbaibier" der kleinen Grafschaft Stolberg-Stolberg. Zwei Jahrzehnte lang ist Schnabel als Barbier, "Agent", Zeitungsmann und Autor in dieser Stadt halbwegs dokumentiert. Mit einem verzweifelten Bittbrief vom April 1744 an den regierenden Grafen reißen unsere genaueren Kenntnisse von "Gisanders" Leben ab. Im Jahr 1760, so hat Arno Schmidt (übrigens auf der Spur eines Leserbriefes in der ZEIT) noch 1961 herausgefunden, wird Schnabel als bereits gestorben geführt.

Mithin, muß man sagen: Hier hat wieder einmal jemand seine Vita unter seinem Wert gelebt. Kein Studium, wie bei der Herkunft eigentlich selbstverständlich, aber nach dem Tod der Eltern nicht zu bezahlen, also auch kein akademisches Amt; statt dessen halb Friseur, halb Chirurg, sozial wenig angesehen, immer im Kampf um die "Nahrung" – und dieser Kampf war, nach dem Zeugnis der Autobiographie des Feldschers Johann Dietz, der es wissen mußte, "unter keiner Profession" schärfer "als damals unter den Barbieren". Als Träger höfischer Titulaturen gleichwohl ohne Besoldung durch den Fürsten, als Bürger ohne Grundbesitz am unteren Ende des Standes und daher zum Bürger überhaupt nur zugelassen in kleinen Städten vom Range eben Stolbergs. So einer verschwindet dann in der klassischen Weise aus der Welt: "Verschollen nach 1750" heißt es in den Lexika, wenn ihre Verfasser noch Sinn für das Pathetisch-Romantische haben.

Es ist das Abenteuerliche in seiner Doppelheit als Faszinierendes wie Unseriöses, auf das die ältere Literaturwissenschaft Schnabels Person und Leben überall da, wo sie keine Dokumente fand, allzu bereitwillig hat festlegen wollen. Der Positivismus, der die Literatur aus dem Leben erklärt, konstruiert das Leben, wo er es nicht hat, eben aus der Literatur. Die "Insel Felsenburg", dieses Panorama von Lebensläufen, die in Deutschland und Europa beginnen, manchmal halb um die Welt führen und schließlich ihre Erlösung von Drangsal und Ungenügen im stillen Inselidyll des Altvaters Albert Julius finden, bietet mehr als genug, um den einen Lebenslauf ihres Autors zu vervollständigen: In ruhelosem Wanderleben habe er sich Europa erschlossen, im Dienste des Prinzen Eugen sei er gewesen, habe auch hier und da doch noch studiert, ja die Meere befahren und sei kurz vor seiner Ankunft in Stolberg in der Großstadt Hamburg zu vermuten. Tatsächlich aber – und wenigstens für das missing link von 1709 bis 1724 (wenn schon immer noch nicht für die zweite große Lücke nach 1744) kann jetzt erstmals Genaueres mitgeteilt werden – verlief diese Biographie doch erheblich weniger romantisch.

Lehrjahre im Krieg