Suppenkasper – Seite 1

Wie auf Verabredung verstummen die Gespräche. In der Tür zur Küche ist der Koch aufgetaucht, ohne Mütze und Jacke. Schweißflecken zeichnen sich auf seinem weißen T-Shirt ab. An der blauen Schürze, die er vorgebunden hat, trocknet er sich die Hände. Sie krampfen sich um den Stoff, die Lippen sind zusammengepreßt.

Das Restaurant in Ronda ist gut gefüllt heute abend, Einheimische und Touristen teilen sich die paar Tische. Die einzigen, die offensichtlich noch nichts gemerkt haben, sind die beiden in der Ecke, die gerade mit dem Löffel an ihrem flan de caramel herumklopfen.

Der Mann und die Frau waren aus einem eingestaubten Auto mit Berliner Kennzeichen ausgestiegen: Mitte Dreißig. Weiße Leinenhose und Vollbart, er. Schlanke, schöne Braungebrannte im grünen Sommerkleid, sie, Typ Fächerkombination Englisch/Sport. So in etwa. Sie hatten freundlich nach allen Seiten gelächelt und am letzten freien Tisch Platz genommen. Ausführlich hatten sie die Speisekarte studiert und dann bestellt.

Der gazpacho kam sehr schnell. Sie kosteten, ein, zwei Löffel, mit spitzen Mündchen, tuschelten miteinander und winkten dann dem Kellner. Englisch? Der Kellner verstand Englisch. Ob es denkbar wäre, daß dieser gazpacho möglicherweise eine Spur zu scharf geraten sei? Der Kellner schien dies, glaubte man seiner Mimik, eher für unwahrscheinlich zu halten, nahm die Schale aber weg und kam mit einer neuen zurück. Vielleicht einer anderen, vielleicht derselben, jedenfalls stellte dieses die zwei zufrieden.

Auch von dem, was danach aufgetragen wurde, fand nichts Gefallen und schon gar keine Gnade vor den Gaumen der beiden. Die patatas fritas dünkten eine Spur zu roh, bei der Zubereitung des Tomatensalats hatte jemand mit dem Salzfaß gewütet, und dem Zicklein mangelte es doch ganz offensichtlich – hier sah die Frau sich zustimmungsheischend um – an einer Spur Rosmarin.

Der Kellner hielt durch. Er hörte sich mit steinerner Miene die Beschwerden an, er brachte andere Kartoffeln, und er wechselte den Tomatensalat. Nur das Zicklein, das nahm er nicht zurück, sondern weigerte sich an diesem Punkt einfach, zu verstehen, was die beiden meinten. Sie aßen schließlich ein paar Bissen.

Durch die halboffene Tür konnte man in der Küche den Kellner mit dem Koch reden sehen. Sparsame Gesten, Kopfschütteln, ein böser Blick in Richtung Restaurant.

Suppenkasper – Seite 2

Und eben haben sie nun ihr Dessert bekommen, haben mit dem Löffel an den flan de caramel geklopft, als ob sie ein hartgekochtes Ei aufschlagen wollten, haben ihn zurückgeschoben und den Kellner wissen lassen, daß dieser flan, das müsse doch auch er sehen, wenigstens zehn Minuten zu lange im Wasserbad verbracht habe.

Ein Augenblick der Stille. Der Kellner blickt zum Koch. "Kommen Sie, kommen Sie", herrscht er halblaut die beiden an, redet spanisch, aber jeder versteht. Die beiden erheben sich, einigermaßen verdutzt, und folgen ihm. Vor der Küchentür bleibt er stehen, stößt sie ganz auf und weist mit großer Geste ins Innere: Aquí la cocina. "Hier ist die Küche. Und wenn Sie jemals wiederkommen sollten, steht sie ganz zu Ihrer Verfügung. Juan und ich, wir würden uns dann wirklich freuen, Ihre Gäste sein zu dürfen."

P.S. Wir hatten auch das Zicklein. Wenn etwas fehlte, war es Knoblauch, meinen wir.

Karl A. Vororth