Seit 1968 gilt: Tot ist, wer hirntot ist. Wie kann aber jemand Leiche sein, dessen Herz noch schlägt? Unsere Autoren plädieren für menschenwürdige Todeskriterien

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Johannes Hoff und Jürgen in der Schmitten

Die Schwangere Marion Ploch ist seit dem 8. Oktober einer aggressiven medizinischen Behandlung ausgesetzt, durch die ihr ein würdiger Tod vorenthalten wird. Die Verantwortlichen der Erlanger Universitätsklinik halten ihre Entscheidung für gerechtfertigt, da sie Marion Ploch "tot" und ihren Leib zu einer juristischen "Sache" erklären, so daß von einem Verstoß gegen die Menschenwürde nicht gesprochen werden könne.

Der Erfolg scheint ihre Logik zu bestätigen: Obwohl die Rede von einer "Toten" jeder unmittelbaren Anschauung widerspricht, wurde sie nach kurzem Zögern von den Medien widerspruchslos akzeptiert. Doch das Unvermögen, sich mit einem Todesbegriff wirklich abzufinden, der von einer Toten spricht, obwohl ihr Körper noch lebt, teilt sich in hilflosen Wortspielen mit: von einer "Verstorbenen, die sich im Zustand zwischen Tod und Verwesung befindet" ist die Rede, oder es wird gefordert, die "Tote in Würde sterben zu lassen". Niemand wagt, es auszusprechen: Marion Ploch lebt.

Das Kriterium, nach dem das Erlöschen der Gehirnfunktion als "Tod des Menschen" gelten soll, ist eine Farce. Es spottet nicht nur der unmittelbaren Anschauung, sondern hält auch einer kritischen Überprüfung nicht stand.

Das Hirntod-Kriterium zur Bestimmung des Todeszeitpunkts ist noch keine 25 Jahre alt. Die Transplantationsmedizin, der Tausende Patienten ihr Überleben verdanken, steht seit je hinter dem Versuch, diesem Kriterium politisch und gesellschaftlich Geltung zu verschaffen.