Von Martin Durm

Fausi weiß, was Fremde wünschen. An einem einzigen Nachmittag hat er seine Reisegruppe durch die Tempel von Luxor, ins Tal der Könige und zu den Kolossen von Memnos getrieben, und nun steht als letzter Tagesordnungspunkt die Besichtigung einer echten ägyptischen Fellachen-Familie auf dem Programm. Also fährt die Gesellschaft im klimatisierten Reisebus durch ein staubiges Dorf in Oberägypten und hält vor einem Gebäude aus Lehm.

Fausi steigt aus dem Wagen und öffnet die Haustür. "Kommen Sie nur herein", sagt er, "hier sehen Sie den Herdplatz, dort den Holztisch, und auf den Bastbetten in der Ecke schläft die ganze Familie." Die Familie hat sich derweil an der Wand aufgereiht: ein Mann, eine verschleierte Frau und fünf kleine Kinder. Aus einem Kofferradio dröhnt die Predigerstimme eines Imams, und für ein paar lange Sekunden spricht keiner ein Wort. Ob man hier photographieren dürfe, fragt schließlich eine junge Dame aus Krefeld. Ihre nackten Beine stecken in enggeschnittenen Shorts. Aber ja doch, sagt der Reiseführer, ein bißchen Bakschisch solle man allerdings schon dafür zahlen.

Begegnungen im Niltal: Meistens sind sie nichtssagend geschäftsmäßig, manchmal jedoch prallen Gegensätze hart und brutal aufeinander. Im Zeichen eines bedrohlich wachsenden islamischen Extremismus wurden auch Ausländer in den vergangenen Monaten zu Zielscheiben von Terroristen. Am 21. Oktober erst beschossen militante Muslime einen Reisebus nahe der oberägyptischen Stadt Dairut. Sie töteten eine 28jährige Touristin aus Großbritannien, zwei ihrer Begleiter wurden verletzt. Die Attentäter hatten den Anschlag exakt geplant. Als der Wagen an einem Maisfeld vorüberfuhr, pfiffen und winkten mehrere Jugendliche am Straßenrand. Der Fahrer bremste ab, Sekunden später krachten von beiden Seiten die Schüsse. Noch am selben Tag bekannte sich die islamische Terrorgruppe Gamaa el Islamia (Islamische Vereinigung) zu dem Anschlag.

Bereits Ende September hatte ein Sprecher dieser Terrorgruppe Ausländer vor Reisen nach Oberägypten gewarnt. Unbeteiligte Touristen könnten bei "Gefechten und Auseinandersetzungen" zwischen Islamisten und der Polizei zu Schaden kommen, hieß es scheinheilig in der Erklärung der Gamaa el Islamia. Der Anschlag bei Dairut beweist allerdings, daß die militanten Muslime auch gezielt Urlauber ins Fadenkreuz nehmen. Eine Woche nach der Warnung, am 1. Oktober, feuerten islamische Terroristen auf das Kreuzschiff Nile Elite mit 140 deutschen Passagieren an Bord. Die Reisegruppe hatte die Felsengräber von Teil el Amarna besichtigt und war auf dem Nilkreuzer unterwegs Richtung Luxor. 250 Kilometer südlich von Kairo wurde das Schiff vom Ufer aus mit Gewehren beschossen, die Kugeln verletzten drei Besatzungsmitglieder.

Ägyptens Regierung bemüht sich, die Angriffe auf Touristenschiffe und Reisebusse herunterzuspielen. Nach den Schüssen auf die Nile Elite hieß es von Seiten der Sicherheitskräfte, die Ausländer seien unglücklicherweise in eine dörfliche Familienfehde geraten. Und nur wenige Stunden vor dem tödlichen Anschlag bei Dairut erklärte Ägyptens Tourismusminister Fuad Sultan, die islamischen Terrorgruppen seien "voll unter Kontrolle". Obgleich diese Erklärung nun überholt ist, verbreitet der Minister auch weiterhin demonstrativ Optimismus. Derzeit beständen nicht die geringsten Sicherheitsbedenken, nach Ägypten zu reisen, verkündete er in Stuttgart. Ägypten sei eines der sichersten Länder. Für diese Parolen hat er guten Grund: Nach den dramatischen Einbrüchen vor und während des Golfkriegs ist der Tourismus inzwischen wieder eine der wichtigsten Devisenquellen am Nil. Im Haushaltsjahr 1991/92 hat das Land drei Milliarden Dollar an den Fremden verdient. Die Befürchtung: Der Urlauberstrom könnte erneut versiegen, wenn die Terroristen die Tourismusindustrie weiterhin gezielt sabotieren.

Für radikale Gruppen vom Schlage der Gamaa el Islamia ist Ägyptens Regierung verweltlicht, verwestlicht und behindert ihrer Meinung nach den Weg des Landes zu einem rein islamischen Staat. Mit ihren Schüssen auf Ausländer wollen die militanten Muslime das verhaßte System treffen. Ihre Strategie zeigt offenbar erste Erfolge. Schon haben die Angriffe auf Touristen dem diesjährigen Ägypten-Boom im Ausland einen Dämpfer versetzt. Mehrere Reiseveranstalter melden in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur Buchungsrückgänge zwischen zehn und dreißig Prozent. Doch während sie das Wort "Einbruch" vermeiden und statt dessen von einer "gewissen Verunsicherung" reden, klagt Ägyptens Tourismusbehörde darüber, daß seit dem Busanschlag in der Nähe von Dairut 38 von 90 Charterflügen aus den europäischen Ländern abgesagt wurden.