Von Walter Grasskamp

Selten haben emigrierte Intellektuelle das Glück, daß ihre Stimme in den Debatten des Gastlandes umgehend vernommen und respektiert wird. Ihre wissenschaftlichen Karrieren erleiden Unterbrechungen, die manchmal nicht mehr aufzuholen sind; Schriftsteller müssen neben den sprachlichen auch die kulturellen Codes erlernen, die nirgendwo gelehrt werden und deren Erwerb Jahre kosten kann; unsichtbare und unbewußte Barrieren behindern die Integration selbst dort, wo Nationalismus offiziell verpönt ist – auch in der Gelehrtenrepublik herrschen territoriale Verhältnisse, und sie kennt keine Gleichstellungsbeauftragten für Einwanderer.

Emigranten aus dem Osten erlitten bisher das umgekehrte Schicksal. Es gab einen Spezialmarkt für sie, getragen von der Nachfrage für Kommunismuskritik, wie sie aus ihrer Feder besondere Glaubwürdigkeit besaß. Doch sobald sie ihre Kritik wie eine Eintrittskarte abgegeben hatten, erlahmte das Interesse an ihnen; ihre Analysen der Schwächen der westlichen Moderne waren bei den Eingeborenen nicht mehr gefragt. Solschenizyn oder Alexander Sinowjew etwa, dem Westen zunächt willkommen, unfreiwillige Weltbürger, wurden sofort wieder als Russen identifizierbar und relativiert, als sie sich kritisch über die Marktgesellschaft äußerten.

Deshalb ist ein einflußreicher Kulturphilosoph in der Schar der Emigranten unvorstellbar. Wenn es aber stimmt, daß sich zu wundern der Anfang der Philosophie ist, dann muß die Emigration die beste – wenn auch härteste – Schule der Kulturtheorie sein. Denn aus der Distanz des Übergangs läßt sich als Mehrwert der Verstörung schließlich das Kapital einer besonderen Kompetenz zum Kulturvergleich schlagen. Nicht zufällig ist hierzulande – vor der Vertreibung und dem Massenmord – die Kultursoziologie eine Domäne jüdischer Wissenschaftler und Publizisten gewesen (und in der angelsächsischen Emigration geblieben): Der Blick der gleichsam habituellen Emigration besaß die dialektische Distanz jenes "teilnehmenden Beobachters", der zur Schlüsselfigur der soziologischen Empirie avancierte.

Wie man aus der Randposition des Emigranten in das Zentrum der Gesellschaftsanalyse vorstoßen und also aus der auferlegten Schwäche eine Stärke machen kann, das hat in den letzten Jahren der Kulturphilosoph Boris Groys vorgeführt. Er wurde 1947 in Berlin geboren, von wo sein Vater, ein sowjetischer Offizier, aber schon bald nach Moskau zurückkommandiert wurde. 1981 ist ihm und seiner Familie die Emigration nach Deutschland um den Preis bewilligt worden, Bibliothek und Kunstsammlung zurückzulassen – ein kaum vorstellbarer, in Diktaturen allerdings üblicher Obolus, der jedem Intellektuellen den Gewinn der Freilassung zweifelhaft, ja als Alptraum erscheinen lassen muß.

Mit einem Paukenschlag betrat Groys die Szene: Sein 1988 publiziertes Buch "Gesamlkunstwerk Stalin" verwarf einen hierzulande liebgewonnenen Mythos der Moderne. Bei der Kritik des totalitären Umgangs mit der Kunst wollte Groys die Künstler nicht länger nur als Opfer ansehen. Denn die Avantgarden dieses Jahrhunderts hatten ihrerseits nicht weniger totale Ansprüche auf die Gestaltung der Gesellschaft angemeldet. Waren bis dahin allenfalls die Futuristen als Parteigänger des italienischen Faschismus beargwöhnt worden, so wurden nun die linken wie auch die scheinbar neutralen Avantgarden in die Perspektive des Totalitarismus gerückt. Der Mythos der unschuldigen, ja prinzipiell gutwilligen Avantgarde, dem sich hierzulande die Nachkriegs-Fürsprecher der Moderne verpflichtet gefühlt hatten, war mit einem Schlag entzaubert, ein Prunkstück der Moderne schien als Modeschmuck entlarvt. Wie lückenhaft und widersprüchlich Groys’ Analyse des Zusammenhangs zwischen Avantgardismus und Totalitarismus seinen Kritikern auch im Detail vorkommen mochte, sie eröffnete einen neuen Horizont des Nachdenkens über die politische Natur der modernen Kunst.

Das zweite Buch, 1991 erschienen, trug den Titel "Die Kunst des Fliehens" und bestand aus einem langen Dialog mit dem russischen Künstler Ilja Kabakow – eine rasante und tragikomische Zimmerreise zu zweit, souverän absolviert von zwei Entfesselungsspezialisten der inneren und äußeren Emigration (ZEIT vom 18. Oktober 1991). Der nun vorliegende Essay "Über das Neue – Versuche einer Kulturökonomie" zeigt Groys ein weiteres Mal als originellen Denker.