Der Naturschutzbund Deutschland rät allen Pilzsammlern, ihr Hobby aufzugeben", hieß es Mitte vergangener Woche auf der Frontseite der Lübecker Nachrichten. Unisono warnten Zeitungen und Rundfunk, Wildpilze seien (immer noch) stark radioaktiv belastet und enthielten obendrein hohe Konzentrationen an giftigen Schwermetallen.

Die Meldung machte aus zwei Gründen stutzig: Warum kam die Warnung zu einer Zeit, als wiederholter Nachtfrost die Hauptpilzsaison längst beendet hatte? Und wieso galten plötzlich nicht nur in Bayern, sondern auch in Norddeutschland Pilze als stark radioaktiv belastet? Gab es etwa neue Daten? Nachfrage bei der Zentrale des Naturschutzbundes in Bonn: "Nein, wir haben keine Meldung herausgegeben, aber unser Landesverband in Nordrhein-Westfalen."

"Ja, ja wir haben gewarnt, und die Geschichte ist ganz toll gelaufen", meint dort eine weibliche Stimme fröhlich und verbindet. Der Urheber der Geschichte gesteht, die Sache sei etwas spät über die Bühne gegangen. "Nein, eigene Daten hatten wir nicht. Sie wissen ja, wie so was läuft. Wir hatten drei Meldungen, und um unsere zwei Mitteilungsseiten vollzukriegen, da haben wir noch als vierte die Pilzmeldung unserer Hamburger Kollegen drangehängt." Aha.

Beim Hamburger Naturschutzbund kennt keiner irgendwelche neuen Daten. "Aber", so erklärt ein Sachkundiger, "da war vor ein paar Wochen ein Journalist hier von einer Nachrichtenagentur und suchte händeringend nach Material. Schließlich hat er dann aus einer Geschichte vom Vorjahr eine neue Meldung verfaßt." Soso.

Der Journalist druckst herum, das sei wohl nicht mehr ganz taufrisch gewesen, aber seine Agentur (ddp) gebe einen Sonderdienst Umwelt heraus, und den gelte es regelmäßig zu füllen. "Aber", seine Stimme klingt wieder fest, "das stimmt doch alles. Gestern habe ich eine neue Meldung geschrieben mit genau dem gleichen Tenor. Die Hamburger Gesundheitsbehörde warnt jetzt auch vor Waldpilzen!" Oha!

"Radioaktivität in heimischen Waldpilzen – vom Verzehr wird abgeraten", heißt es tatsächlich in einer Meldung der Pressestelle der Hansestadt. Das Datum 23. Oktober ist zwar auch nicht mehr taufrisch, aber Staatliches hat ja eine hohe Haltbarkeit. Oder doch nicht? Die Chemische und Lebensmitteluntersuchungsanstalt habe Pilze untersucht, die von Bürgern im Großraum Hamburg gesammelt wurden. "Die elf Proben haben in der Tendenz ergeben, daß die radioaktive Belastung im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig ist. Allerdings sind einige Pilzarten, insbesondere Maronen und Butterpilze noch mit bis zu 1200 Becquerel Gesamtcäsium belastet. Andere Waldpilze, wie Pfifferlinge und Hexenröhrlinge, zeigen zwar geringere Belastungen auf", dennoch sei der Verzehr nicht zu empfehlen.

Nachfrage bei der Lebensmitteluntersuchungsanstalt ergibt, daß lediglich drei von elf Messungen über dem zulässigen Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm gelegen haben, nämlich zweimal Maronen (1200 beziehungsweise 800) und einmal Butterpilze (630). Alle anderen Pilze waren deutlich weniger radioaktiv, zweimal lag der Wert unter 3 Becquerel (Pfifferlinge und Austernpilze). Die Hauptsache indessen: Alle drei hochbelasteten Proben stammten aus der Gegend von Lüchow-Dannenberg. Dort war durch Regen ungewöhnlich viel Tschernobyl-Fallout in den Boden geraten – eine klare Ausnahme in Norddeutschland und Hamburgs Umgebung.

Sollte der großen Zahl von Schwammerljägern mit beängstigenden Meldungen nur der Appetit verdorben werden? Ein Scherz ist das allerdings nicht mehr, wenn staatliche Institutionen aus einer kleinen, statistisch nahezu wertlosen Stichprobe Extremwerte (die obendrein leicht erklärbar sind) herausheben und damit Desinformation betreiben. Hans Schuh