Diesen Jahrgang kannst Du vergessen", sagte der norditalienische Weinhändler. Er kam gerade aus Süditalien zurück und schenkte dem Besucher einen Korb Probiertrauben: "Zum Essen gut genug, aber Trinken? Nein!" Von den Alpen bis zum Ätna hat es in diesem Herbst schon vor der Ernte lange geregnet. Der Wein baute von Woche zu Woche ab. Schließlich mußten die meisten Winzer den schäbigen Rest zwischen einem Wolkenbruch und dem nächsten Landregen ernten. Will man Professor Michele Colacino vom Nationalen Italienischen Forschungsrat CNR glauben, dann sind die Aussichten für die nächsten Jahre noch trüber: "Jetzt hat ein Regenzyklus begonnen, der zwanzig Jahre dauern kann", sagt der Direktor des Laboratoriums für die Physik der Atmosphäre voraus. Das sei nichts anderes als die Kehrseite der Medaille, denn die vergangenen zwanzig Jahre sei es überdurchschnittlich trocken gewesen. Vor allem 1989 und 1990 sank der Grundwasserspiegel bedrohlich.

In der Tat: Es waren hervorragende Weinjahre. Die Winzer haben in ihren Kellern noch die Fässer voll davon. Falls sie nicht auf den naheliegenden Gedanken kommen, einiges vom Überschuß des vorjährigen guten Rebensaftes mit der dünnen und sauren, leichtverderblichen 1992er Flüssigkeit zu vermischen, dann würde vom neuen Jahrgang wohl kaum genug Tafelwein auf den Tisch kommen – berühmte Flaschenweine wie Barolo und Barbaresco werden ohnehin von diesem Jahrgang als Riserva nicht heranreifen.

Zum Glück liegt genug Wein der feinen Jahrgänge bereits auf Flaschen gefüllt in den Regalen. Die Italiener trinken pro Kopf nur noch fünfzig Liter Wein im Jahr, halb soviel wie vor zehn Jahren. Da muß Italien als das größte Weinland der Welt viel Rebensaft in EG-subventionierten reinen Alkohol verwandeln. So viel, daß sogar der Gedanke aufkommt, diese Überschüsse dem Kraftstoff beizumischen. Daß auf der anderen Seite die edlen Tropfen immer teurer werden und Italiens Flaschenweine aus guten Lagen auch im Export bereits die Preise französischer Weine erreicht haben, wundert bei dieser Entwicklung nicht. Daß dabei auch mittelmäßige Weine vom Ansehen der guten Lagen profitieren wollen, liegt ebenfalls auf der Hand. Dafür investieren die großen Kellereien und die Weinregionen allerhand in die Werbung.

Deshalb muß der Kunde sich besser als je zuvor informieren und aufpassen, daß er nicht für eine gängige bottiglia des toskanischen Edelzwickers Galestro, der eigens erfunden wurde, um Überschüsse wegzuliefern, das Gleiche zahlt wie für einen Gavi oder gar Clastidium.

Friedhelm Gröteke