Von Bill Clinton

LITTLE ROCK. – Der künftige Vizepräsident Al Gore und ich wissen, daß die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Kinder von sauberer Luft und reinen Trinkwasser abhängen. Wir wissen auch, daß die Gesundheit und Sicherheit unserer Arbeitnehmer von ungefährlichen Arbeitsbedingungen abhängen. Und wir wissen, daß die majestätische Natur unser Innerstes berührt und anregt. Die Sorge um unsere Umwelt vereint uns.

Wir haben im Wahlkampf gehört, übertriebener Umweltschutz sei einer der Hauptgründe für den Niedergang unserer Volkswirtschaft und die Amerikaner müßten zwischen einer gesunden Umwelt und einer starken Volkswirtschaft wählen. Beides, so wird behauptet, könnten wir nicht haben.

Diese Wahlmöglichkeit führt in die Irre. Denn träfe sie zu, müßten gerade Deutschland und Japan, die viel strengere Umweltgesetze anwenden als die Vereinigten Staaten, in schrecklichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Dann müßten die Volkswirtschaften Osteuropas, die sich zuungunsten der Umwelt entschieden hatten, vor Kraft nur so strotzen. Dann müßten jene Unternehmen, die sich auf umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen spezialisiert haben und die in den vergangenen vier Jahren erstaunlich gewachsen sind, genauso am Boden liegen wie die meisten anderen wichtigen Industriezweige der USA.

Die Wirtschaftskraft wird immer stärker von vernünftigen Leistungen im Umweltschutz abhängen. Unsere Konkurrenten haben begriffen, daß eine gesunde Umwelt und eine gesunde Volkswirtschaft einander nicht widersprechen, sondern zusammengehören. Einer der Gründe, warum deutsche Arbeiter um ein Viertel mehr produzieren als ihre amerikanischen Kollegen, liegt darin, daß sie um die Hälfte weniger Energie verbrauchen, um die gleiche Warenmenge herzustellen. Und japanische Firmen können ihre Produkte auf dem Weltmarkt um fünf Prozent günstiger anbieten, weil sie mit der Energie besser haushalten.

Auch Entwicklungsländer sind immer häufiger auf dem Weltmarkt vertreten. Einige von ihnen konnten sich 1991 sogar über sechsprozentige Wachstumsraten freuen, während die Volkswirtschaften vieler Industrienationen stagnierten. In jenem Jahr zum Beispiel kauften die Entwicklungsländer über ein Drittel der US-Exporte. Welche Produkte und welche Herstellungsverfahren wünschen sie? Im Augenblick leiden die Entwicklungsländer unter den Folgen einer Wachstumspolitik, die keine Rücksicht auf die Umwelt genommen hat. Darum begehren sie Technologien und Dienstleistungen, die ihre Wirtschaft weiterhin ankurbeln, ohne gleichzeitig die Natur zu zerstören. Ein Beispiel dafür ist Mexiko. Dort müssen Fabriken dichtmachen – nicht weil sie unrentabel arbeiten, sondern weil die Menschen an der Umweltverschmutzung buchstäblich ersticken. Mexiko braucht aber diese Fabriken und benötigt darum Ausrüstungen für eine umweltfreundliche Produktion.

Werden sich US-Firmen darauf einstellen? Andere Entwicklungs- und Schwellenländer stehen vor einem ähnlichen Wandel. Taiwans Industrie zum Beispiel hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen neuen Wachstumsrekord aufgestellt, ohne dabei allerdings Vorsorge für die toxischen Nebenprodukte zu treffen. Millionen Tonnen gefährlicher Abfälle landeten auf wilden Müllhalden, in Bächen und Flüssen. Nur wenige Industrieabwässer wurden geklärt. Millionen Autos stießen ungefiltert Schwefeldioxid und andere Giftstoffe aus und verpesteten die Luft. Um diese Probleme endlich anzupacken, haben sich die Regierung von Taiwan und Industrieführer verpflichtet, in den nächsten Jahren zwanzig Milliarden Dollar für den Umweltschutz auszugeben. Mit dieser Summe wollen sie die alten Schwierigkeiten in den Griff bekommen und gleichzeitig Vorsorge für künftige Probleme treffen.