Nein und abermals nein: So haben wir uns weder die Bundesrepublik nach vier Jahrzehnten noch das befreite, endlich wiedervereinigte Deutschland vorgestellt. Wir hatten gehofft, das Ende der DDR, dieser langersehnte, einzigartige Moment, werde eine allgemeine Aufbruchstimmung zeitigen. Statt dessen macht sich resignierende Unlust breit.

Die Bürger sind frustriert, Regierung wie Opposition ohne Elan und ohne Vision. Das meiste wird dem Zufall überlassen. Es ist, als rase die Geschichte wie ein ungesteuerter, reißender Fluß an uns vorüber, während wir, die am Ufer stehen, die bange Frage stellen, wohin er wohl führt. Jeder hat den Wunsch, daß darüber nachgedacht wird, wie es vermutlich in zehn Jahren in der Welt aussehen wird, vielmehr aussehen sollte, und was wir tun müssen, um dorthin zu gelangen. Aber niemand hat ein Konzept. Alle sind gleichermaßen ratlos, keiner scheint sich über die obwaltenden Tatsachen Rechenschaft zu geben, weder in der Welt noch bei uns zu Haus.

Typisch dafür ist, wie im Bereich der Entwicklungshilfe die Fakten einfach nicht zur Kenntnis genommen werden. In jedem Jahr wächst die Weltbevölkerung um fast hundert Millionen. Das sind etwa so viele Menschen, wie in ganz Deutschland, Belgien und den Niederlanden zusammengenommen leben. Die Wirtschaftsplaner aber gehen, wenn sie über Entwicklungshilfe nachdenken, heute wie vor vierzig Jahren noch immer von der Vorstellung aus, die Dritte Welt müsse mit der Zeit dem Niveau der Industriegesellschaften angeglichen werden. Ungeachtet aller ökologischen Einsichten unterstellen sie eine stetig zusammenwachsende, ständig expandierende, allmählich sich angleichende Weltwirtschaft. Dies ist ganz und gar unrealistisch. Darum ist ein neues Konzept notwendig. Ein Konzept, in dem der Begriff Verzicht die Hauptrolle spielen muß.

Verzicht innerhalb der Industriegesellschaften – auch für uns in Deutschland – ist unerläßlich, wenn nicht die nächste Generation unter der Schuldenlast zusammenbrechen soll. Die Bundesrepublik (Bund, Länder, Gemeinden) ist heute mit 1,5 Billionen D-Mark (in Zahlen: 1 500 000 000 000) verschuldet, das bedeutet eine Zinslast von jährlich über 100 Milliarden Mark. Diese Summe müssen unsere Kinder aufbringen, weil wir zu üppig gelebt haben.

Die Konsequenz: Wir müssen alle zurückstecken, der Bund, die Länder, die Kommunen, Unternehmer und Gewerkschaften, jeder einzelne von uns. Wir werden alle mehr Steuern zahlen und sparsamer leben müssen, über den Inflationsausgleich hinaus wird es keine Lohnerhöhungen geben können. Wir müssen unseren Lebensstil ändern. Das wird für alle schmerzhaft sein. Aber es ist nicht einzusehen, warum es uns so schwerfallen sollte, freiwillig zur Erhaltung des inneren Friedens Verzichte zu leisten, die jeder im Falle eines Krieges selbstverständlich auf sich nimmt.

Unglaublich naiv ist die Gelassenheit, mit der die Bonner Regierenden sich mit der bestehenden Arbeitslosigkeit abgefunden haben: "Das wird noch ein paar Jahre so weitergehen", heißt es seit fast einem Jahrzehnt. Zur Beruhigung wird auf die vielen neu geschaffenen Arbeitsplätze hingewiesen. Daß diese in Zeiten der Hochkonjunktur neu geschaffenen Jobs in der jetzigen Rezession unter dem Druck der Rationalisierung als erste verschwinden werden, scheint sie nicht zu beunruhigen. Dabei ist leicht vorstellbar, daß zu den dreißig Prozent Arbeitslosen in den neuen Bundesländern bald eine wachsende Zahl Entlassener in den alten Ländern hinzukommen wird.

Eine Konsequenz der Konzeptionslosigkeit ist auch bei der Abrüstung deutlich geworden. Bei den Vereinbarungen der beiden Militärbündnisse wurden acht Kategorien festgelegt, wie das überschüssige Rüstungsmaterial verwendet werden dürfe (für Konversion, Zielübungen, zur Schulung et cetera). Das Wichtigste – ein Exportverbot festzuschreiben – ist offensichtlich vergessen worden. Folge: Jedes Land trachtet, von dem vorhandenen Überschuß soviel wie irgend möglich an andere Staaten zu verkaufen, so daß schließlich statt Abrüstung nur eine Umverteilung des überschüssigen Materials stattfindet. Bonn ist durch den Verkauf der DDR-Waffen zum drittgrößten Waffenexporteur der Welt geworden.