Am 1. November trat in Frankreich Europas strengstes Gesetz gegen das Rauchen in Kraft. Was hat sich seither geändert? Fast nichts. In Metrogängen, am Arbeitsplatz, in den Bistros und Restaurants wird gequalmt wie gewohnt. Zum Glück. Der Krieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern bleibt vorerst aus, da niemand unter den Nichtrauchern es bisher geschafft hat, dem neuen Recht mittels öffentlicher Gewalt Respekt zu verschaffen. Hierzulande ist es eine Sache, ein Gesetz durchs Parlament zu bringen; eine ganz andere ist, es tatsächlich draußen durchzusetzen. Man denke nur daran, wie die Franzosen Geschwindigkeitsbeschränkungen respektieren; dann ahnt man, wie es mit dem Antirauchergesetz läuft.

Selbst die Nichtraucher, die vor dem unfreiwilligen Mitrauchen geschützt werden sollten, trauen sich nicht, das jetzt illegal rauchende Volk am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Gebäuden zu denunzieren. Starke Verbündete haben die Raucher in einer Zunft gefunden, die eine Regierung sich besser nicht zum Feind macht: die Kneipiers und Gastwirte. Sie fungieren als Multiplikatoren des Volksfrustes und verstehen es, eine Stimmung zu stiften, die es dem Gesundheitsminister Bernard Kouchner sehr schwermacht, seine guten Absichten in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Ständig wiederholen die Medien, wie viele Menschen früher sterben müssen, weil sie zuviel geraucht haben, und wie viele Milliarden Franc die Krankenversicherungen für deren Erkrankungen ausgeben müssen. Trotzdem gibt es keine massenhafte Antiraucherbewegung wie in den Vereinigten Staaten, wo die armen Raucher jetzt eine unterdrückte Minderheit geworden sind.

Gott sei Dank ist es bei uns nicht soweit gekommen wie in der kanadischen Verwaltung, wo in allen Büros gnadenloses Rauchverbot herrscht und wo man im Winter bei minus zwanzig Grad die unglücklichen Süchtigen vor dem Eingang frieren sieht.

Frankreich hat sich immer als eine Nation der Vernunft und der Toleranz verstanden: Die kompromißlosesten Ideologien haben hier immer ihre Schärfe verloren, die revolutionärsten Losungen blieben nichts als Worte, denen keine Taten folgen. In Descartes’ Land haben Fundamentalisten aller Art nie wirklich Fuß gefaßt.

Außerdem hat das französische Volk immer schon ein besonderes Verhältnis zum Tabak gepflegt. Im 17. Jahrhundert schrieb Molière in seinem Tabaklob, das jeder Schüler auswendig lernt: "Was immer Aristoteles und die ganze Philosophie sagen mögen, nichts ist dem Tabak überlegen: Er ist die Leidenschaft der anständigen Leute, und wer ohne Tabak lebt, ist nicht des Lebens würdig. Er labt und bereinigt das menschliche Gehirn und erzieht die Seele zur Tugend ..."

In allen seinen Formen – Kautabak, Schnupftabak, Pfeife und natürlich Gauloises und Gitanes – hat das "Kraut von Nicot" das Leiden und das Glück der Franzosen begleitet. Edith Piaf und andere große Stars haben den Tabak besungen und gepriesen – und wäre etwa Jean-Paul Sartre ohne eine Gauloise im Mundwinkel vorstellbar gewesen? Luc Rosenzweig