Von Ulrich Schnabel

Unbekannte Völker, abenteuerliche Erlebnisse und exotische Kulissen sind von jeher der Stoff, aus dem die Fernsehträume sind. Aber ob selbsternannte Weltenbummler in entlegene Gestade reisen, markige Spielfilmhelden den Unbillen der Fremde trotzen oder Auslandskorrepondenten erzählen, wie es in Nairobi und Shanghai aussieht – fast nie werden dabei diejenigen gefragt, die es von Berufs wegen eigentlich am besten wissen müßten, die Völkerkundler.

Das führt zum Verdruß bei den Wissenschaftlern. So ärgert sich nicht nur der Ethnologieprofessor Jürgen Jensen über "grauenhafte Irrtümer, massenweise, ständig", wenn er in die Fernsehröhre schaut. Auch andere Kollegen sind auf professionelle Filmer meist nicht gut zu sprechen. Wenige erfahren die Medienrealität jedoch so rauh wie Claus Deimel, der am Landesmuseum für Völkerkunde in Hannover arbeitet. Ende vergangenen Jahres war er als wissenschaftlicher Berater und Koautor von einem Fernsehteam engagiert worden, das für denHessischen Rundfunk eine Reportage über lateinamerikanische Indianer zum Kolumbus-Jahr 1992 machen wollte. Deimel, der seit neunzehn Jahren regelmäßig nach Mexiko fährt und über beste Kontakte zu einem dortigen Indio-Volk verfügt, war ursprünglich begeistert von der Idee, das indianische Leben realistisch darzustellen und die Einheimischen auch einmal selbst zu Wort kommen zu lassen.

In dem fremden Land (in dem keiner der Fernsehleute je gewesen war) sah jedoch alles ganz anders aus. Deimel konnte die, wie er selbst sagte, "sprichwörtliche Fernsehhektik" seiner Kollegen nicht mehr unter Kontrolle halten und mußte mitansehen, wie seine indianischen Bekannten auf ihre Art reagierten: Sie ließen sich auf die Tagespläne der Weißen gar nicht ein, kehrten der Kamera mit Vorliebe den Rücken zu und betrachteten die ganze Filmerei offenbar als Gegenstand großer Belustigung.

Den unter Zeit- und Kostendruck arbeitenden Journalisten wurde das Leben jedoch nicht nur von den unwilligen "Wilden" schwergemacht. Auch die Anregungen des Wissenschaftlers Deimel störten die Fernsehleute offenbar bei dem Versuch, die heile mexikanische Dschungel weit aufs Zelluloid zu bannen. Sein Vorschlag, zum Beispiel auch einmal die (von den Indios verursachte) Umweltverschmutzung darzustellen, wurde mit der Bemerkung quittiert, "schmutziges Wasser" könne man doch nicht aufnehmen. Auf seine spätere Version eines Filmbuches bekam er nicht einmal eine Antwort. Das Ende vom Lied: Mittlerweile hat Deimel seinen Anwalt eingeschaltet und unter Androhung von Konventionalstrafe verbieten lassen, den Film zu senden. "Mir geht es nicht ums Geld oder um mich, sondern um das Volk in Mexiko", sagt der vom Fernsehen enttäuschte Ethnologe.

Diese Geschichte ist symptomatisch für das Verhältnis zweier Berufsgruppen, die sich eigentlich viel zu sagen hätten, meist jedoch auf Kriegsfuß miteinander stehen. Selten geschieht es, daß sich beide Seiten an einen Tisch setzen und über ihre Probleme miteinander diskutieren. Letzte Woche fand zum ersten Mal ein solcher Versuch statt. Vertreter der Arbeitsgruppe "Visuelle Anthropologie" der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde trafen sich mit Filmemachern und Programmgestaltern in Hamburg zu einer gemeinsamen Tagung. Als Vertreter der Fernsehanstalten parierte dabei der NDR-Chefkorrespondent Rolf Seelmann-Eggebert die Vorwürfe der versammelten Ethnologen. Dabei wurde ziemlich schnell deutlich, daß die Traum Vorstellung der Wissenschaftler, als Berater an Sendungen exotischen Inhalts mitzuwirken, im harten Redaktionsalltag meist unrealistisch ist. Pointiert konfrontierte der Fernsehmann die Völkerkundler mit Thesen, "worüber sie sich ärgern sollen": Erstens scheitere der Dialog zwischen Journalisten und Wissenschaftlern oft daran, daß letzteren dazu der Mut fehle. Zweitens habe er den Eindruck, daß Ethnologen "besondere Probleme" hätten, "der Welt zu erklären, was sie können und wozu sie gut" seien. Und drittens sei die gute Zeit für ethnologische Filmemacher in Deutschland vorbei (wenn es sie je gegeben habe). Da allseits ein dramatischer Rückgang der Werbeeinnahmen zu konstatieren sei, hätten Bildungssendungen (zu denen er die wissenschaftlich angehauchten Ethno-Filme zählte) kaum noch eine Chance. Seelmann-Eggebert muß wissen, wovon er spricht. Schließlich ist er selbst studierter Völkerkundler und leitet die Reihe "Eine Welt für Alle", die umweltkritische Innen-Ansichten aus der Dritten Welt vermittelt. Seine Forderung: Das Fernsehen brauche keine Wissenschaftler, sondern Filmemacher, die Ethnologie studiert hätten. In einer Zeit zunehmender globaler Probleme sah er dabei durchaus Chancen für diese Fächerkombination in den Medien.

Das forsch vorgetragene Referat Seelmann-Eggeberts rief allerdings heftigen Protest beim Publikum hervor. Fernsehposten, so die einhellige Kritik, würden doch nur selten nach fachlichen Qualifikationen vergeben. Bei der Ernennung von Auslandskorrespondenten zum Beispiel spielten personalpolitische Erwägungen oder das richtige Parteibuch meist eine viel größere Rolle als fachliche Kenntnisse – ein Vorwurf, der nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. So haben zum Beispiel die Fernsehanstalten die Welt sozusagen unter sich aufgeteilt, der Westdeutsche Rundfunk (WDR) ist für Afrika zuständig, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) dagegen für den asiatischen Bereich. Und auch Seelmann-Eggebert mußte zugeben, daß es selten vorkomme, daß etwa ein Arabien-Experte seiner Anstalt an eine andere ausgeliehen würde.