Von Tobias Gohlis

"So reizend hatten wir noch kein Ländchen gesehen ... ein unbeschreiblich mannigfaltiges Leben der Schöpfung, und es mangelt zum poetischen Gemälde nichts als scherzende Nymphen und Najaden ..."

Johann Heinrich Meyer über das Tessin, 1791

Erster Tag: Tessin! Tessin! verspricht das Rattern des Nachtzugs Hamburg-Zürich. Die Sektflasche, als letztes Packstück in den Rucksack gedrückt, schaukelt auf der Ablage des Waschtischs in unserem Schlafwagenabteil. Orientexpreß-Gefühl. In Hannover ist unser Göttinger Freund Peter zugestiegen. Eine Woche Wandern im Hochgebirge ist wie zwei Wochen Nordsee, wie drei Wochen Karibik.

Eigentlich hatten wir in den vertrauten Schladminger Tauern wandern wollen. Doch dann hatte Kollege T., Alpenspezialist, verlockend zugeraten: Tessin! Und so malt Ursula jetzt, den Finger auf der Karte, ihren perfekten Plan aus: Vom Gotthardpaß aus werden wir im weiten Bogen, meist oberhalb von 1600 Metern, über den Lago Ritom und den Lukmanierpaß südwärts gehen und schließlich, hochgebirgsluftgestärkt, in Locarno nachbräunen. Wir stoßen auf die Palmen am Lago Maggiore an. Um neun in Zürich ist es schon warm. Frühstück unter Sonnenschirmen an der Wühr.

Für den Fall, daß wir weiter kommen als geplant, erwerben wir in Zürich noch zwei Wanderkarten, die es in Hamburg nicht gab. Vom D-Zug Richtung Airolo aus sehen wir die ersten Berge. Sie leuchten im Sonnenlicht, um die Gipfel türmen sich Eiswolken. Der Vierwaldstätter See. Ursula zieht kurze Hosen an. Mit dieser Erinnerung an strahlendes Grün-Blau-Silber verschwinden wir im Dunkel des Gotthardtunnels.

Dahinter wird es kaum wieder hell. In Airolo eröffnet das Tessin mit Regen. Die Sonne ist auf der Nordseite des Gotthard geblieben. Sockengraue Wolken kleben an den Dachtraufen. Zwischen den Steilflanken eingenebelter Berge fauchen Blitze hin und her. Es ist fünfzehn Grad kälter als in Zürich. Ursula packt die langen Hosen wieder aus. Wir rennen über die Straße unter das schützende Dach einer Caféterrasse. Die Zeit bis zur Abfahrt des Postbusses vertreiben wir mit Wetterprognosen, Grappa, Espresso und Tessinstudien.