Von Carl D. Goerdeler

Was soll ich denn schon sagen? Die Brasilianer wissen besser als ich, wie schlecht es ihnen geht": Itamar Franco, der amtierende Präsident Brasiliens, verschiebt die Rede zur Lage der Nation bis auf den Tag, an dem er mit einem Regierungsprogramm aufwarten kann. Auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, spotten die Pessimisten.

Fernando Collor de Mello jagte im Jet-ski über den Lago Paranoä; Itamar Franco geht lieber an seinem Ufer spazieren. Der amtierende Präsident schmiert sich nicht wie sein geschaßter Vorgänger Pomade ins Haar, und er trägt auch keine Maßanzüge; schon Krawatten sind ihm ein Greuel. Der 62 Jahre alte Provinzpolitiker aus dem Bergland Minas Gerais ist eine ehrliche Haut, aber auch ein Eigenbrötler.

Seine Karriere begann der Ingenieur Itamar Franco in Juiz de Fora, einer wohlhabenden Industriestadt an der Grenze zum Bundesstaat Rio de Janeiro. Seine politischen Vorstellungen sind stark geprägt von den Jahren zwischen 1950 und 1960, als Getulio Vargas sozusagen per Befehl die Industrialisierung erzwang. Franco empfindet sich selbst als estadista, als Mann des Staates, der mehr als nur für Ruhe und Ordnung zu sorgen hat. Für die smarten neoliberalen Berater Collors hat er wenig übrig: "Was heißt schon Modernisierung? ... Heißt es, die ausländischen Interessen zu verteidigen oder die Interessen unseres Landes?"

Regiert jetzt ein Nationalist im Palacio Planalto? Bleibt die zehntgrößte Wirtschaftsmacht auf halbem Wege stecken? Will Itamar Franco die angefangenen Reformen rückgängig machen und Brasilien lieber vom Weltmarkt abschotten?

"Die Zusammenstellung des Kabinetts ist allein meine Angelegenheit": Itamar Franco sah sich noch vor der Amtseinführung gezwungen, die Parteihäuptlinge daran zu erinnern. "Wir werden nicht in die Regierung eintreten, aber den Präsidenten so gut es geht unterstützen", beeilten sich die Parteibosse zu antworten. Die vorsichtigen Formulierungen spiegeln das Dilemma der Parteien wider, einerseits haben sie ihre Leute in der Regierung untergebracht, andererseits wollen sie sich nicht so weit mit ihr einlassen, daß die Bürger sie für kommende Krisen verantwortlich machen könnten. "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß", das ist die Devise der alten politischen Füchse.

Itamar Franco bewegt sich also auf brüchigem Eis. Die großen Cracks der Wirtschaft haben ihm einen Korb gegeben; nun regiert er mit Gustavo Krause. Krause, who? Kaum ein Mensch kannte den neuen Finanzminister, der das Wirtschaftsressort mit einem ebensowenig berühmten Kollegen, Paulo Haddad, auch noch teilen muß. Krause ist für die Konjunktur zuständig, Haddad, der Planungsminister, für die Infrastruktur. Sie mögen solide Kommunalpolitiker sein, der eine aus Recife, der andere aus Juiz de Fora; aber als Nationalökonomen sind beide bisher nicht hervorgetreten.