Von Konrad Heidkamp

Am Rande des Highways läuft ein Mann. Vorbei an toten Stinktieren und verwesenden Hunden, an verfallenen Hütten und ausgeweideten Autowracks. Manchmal bückt er sich und hebt ein Stück Eisenrohr auf, einen verrosteten Benzinkanister, Draht, den er in eine leere Konservendose stopft. Hin und wieder findet er einen alten Traum, oder zwei, und nimmt alles mit nach Hause in eine leere Wellblechgarage. Er schiebt sich eine Schweißerbrille über die Augen, zieht Lederhandschuhe an und holt seine Gitarre. Und dann singt Tom Waits, reißt an den Saiten, stampft mit dem Stiefel auf dem Kanister, schlägt mit dem Eisenrohr auf Holzbretter und erzählt die Geschichten und Träume eines Mannes, der am Rande des Highways läuft. Tom Waits ist für jedes Klischee gut. Jahrelang saß er um vier Uhr morgens am Klavier, mit kaputter Leber, gebrochenem Herzen und einer leeren Whiskyflasche. Dann wechselte er zum Theater, rettete sich vor Tom Waits, indem er Tom Waits als Schauspieler verkleidete, die geniale Trilogie "Swordfishtrombones", "Raindogs" und "Frank’s Wild Years" inszenierte und versuchte, "dem Lärm im Kopf zu lauschen und eine Art orchestrale Müllhalde" (Waits) zu schaffen. Am Ende spielte Tom Waits so überzeugend, daß man ihn für einen Schauspieler hielt, ihn in diversen Filmen auftreten ließ, Jim Jarmusch um eine Filmmusik bat ("Night on Earth") und Robert Wilson ihn als Hofkomponist engagierte ("Black Rider" und "Alice in Wonderland").

Man hätte den Sänger Tom Waits fast vergessen können. Doch nach fünf Jahren läuft ein Mann quer durch die USA. Er fährt nicht im Chevy wie Bruce Springsteen, er sitzt nicht wie Lou Reed vor seinem TV in New York, er schlurft schweren Schrittes durch die Geschichten in seinem Kopf. Und Tom Waits und der Schauspieler sind zum erstenmal eins geworden.

"Bone Machine": Vielleicht wurde da wirklich jemand in der roten Scheune umgebracht, vielleicht fährt dieser Typ wahrhaftig noch immer voller Hoffnung in seinem Olds 88 westwärts, oder Jesus wird bald erscheinen oder die Erde schreiend verenden – Tom Waits erzählt diese kleinen Monodramen nicht nur, er lebt sie. Geschichten, durch die Knochenmühle gedreht, voll von Blut und dunkler Dramatik, aber immer mit düsterer Hoffnung gesungen. Mit krächzendem, flüsterndem, brüllendem Singsang, verfremdet (Mundschutz, Gasmaske oder Megaphon?) und verzweifelt (Narben, Sehnsucht oder Flucht?), mit einer Stimme, die irgendwann zerbrochen ist und in deren Scherben man sich wiederfinden kann.

Er nimmt nicht viele mit auf seine Reise, den Bassisten Larry Taylor, dazu einen Gitarristen oder Saxophonisten, mehr als drei sind es selten, und oft ist er allein. Die Knochenmaschine scheppert und dröhnt, und wo früher das betrunkene Piano oder die schrägen Bläsersätze dominierten, schlägt jetzt der Rhythmus – knochenhart und knochentrocken, ein Gerippe der Genres.

Die großen Vaudeville-Nummern, die Weill-Anklänge, die Hollywood-Travestien fehlen diesmal. Aus Schrott schweißt er den großartigsten Klang seit den Tagen Phil Spectors, und was beim ersten Hören knochig und hart klingt, setzt nach einiger Zeit immer mehr melodisches Fleisch an.

Tom Waits hat seine "Basement Tapes" veröffentlicht. Mit all den Apokalypsen, den biblischen Anspielungen und archaischen Verzweiflungen, mit einer Inbrunst, der alles Hymnische fehlt und die gerade deshalb bis auf die Knochen geht. Er ist zu einem der monumentalen amerikanischen Einsiedler geworden, der mit jedem Song die Welt vergessen läßt, weil die ganze Welt in ihm steckt.