Von Torsten Oltmanns

Es war im Sommer 1990, die Leipziger hatten gerade ihre "Alu-Chips" gegen Westmark eingetauscht: Günter Ott, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), träumt in seinem Büro am Friedrich-Engels-Platz von einem Klein-Manhattan an der Pleiße. Mit dem Finger zeichnet er die Leipziger Skyline der Zukunft in die Luft: "Hier, beim Bahnhof, steht der ‚Weißheitszahn‘ – das Uni-Hochhaus –, und da, auf der anderen Seite der Innenstadt, bauen wir einen ‚Glaspalast‘, ein neues Wahrzeichen der Finanzmetropole Leipzig, das Domizil der Banken – und einer neuen Leipziger Börse."

Seitdem haben sich mehr als vierzig Geschäftsbanken in der Stadt niedergelassen, aber die Silhouette Leipzigs hat sich nicht verändert. Und Günter Ott ist schon längst nicht mehr Kammer-Chef. Sein Plan, das "Parkett" wieder zu eröffnen, blieb jedoch im Gespräch. Ab und an erinnern der Bürgermeister und die Lokalzeitung an die Vergangenheit Leipzigs als Börsenmetropole. Nach dem verpatzten Start in die Einheit glaubte jedoch niemand so recht an das Comeback. Doch nun geht es plötzlich los: Spätestens Ende November soll sich ein Börsenverein konstituieren; die Einladungen werden noch diese Woche verschickt.

Die Zeit drängt. Am 11. Dezember nimmt die Deutsche Börse AG ihre Geschäfte auf (siehe Kasten). "Da müssen wir uns von Anfang an reinhängen, sonst können wir unsere Börse vergessen", sagt Dieter Rudorf, einst Staatssekretär unter DDR-Finanzminister Romberg und heute Vizepräsident des Sächsischen Landtags. Gemeinsam mit dem ehemaligen Chef der Landesbank Sachsen, Bernd Lüthje, rührt der Sozialdemokrat Rudorf die Werbetrommel für eine Börse in seiner Heimatstadt. Die Sachsen spekulieren darauf, daß innerhalb des nächsten Jahrzehntes immer mehr ostdeutsche Unternehmen börsenfähig werden, "deren Kapitalbedarf zu groß ist für die Hausbank und zu klein für Frankfurt", so Bernd Lüthje. Zudem könnten der Freistaat und seine Kommunen sich an ihrer Regionalbörse durch die Emission von Schuldverschreibungen mit Kapital versorgen. Das sei zwar alles noch Zukunftsmusik, "aber wer morgen mittanzen will", so Rudorf, "der muß schon heute die Schritte lernen".

Schon seit Monaten geht das Duo Lüthje/Rudorf mit seinem Börsen-Konzept hausieren – der eine bearbeitet die Banker, der andere übernimmt die Politiker. Am 20. Oktober nun hat das Kabinett die Börsenpläne gutgeheißen, Finanz- und Wirtschaftsminister stehen hinter dem Projekt. Auch der Ministerpräsident hat seine Hilfe angeboten. "Das läuft", habe er Kurt Biedenkopf versprochen, "es genügt, wenn Sie pünktlich zur Eröffnung da sind", erzählt Rudorf.

Einigkeit im Freistaat also, doch es steht Ärger ins Haus. Offiziell hängen die Frankfurter Großbanken das Thema nicht zu hoch. Man müsse noch abwarten, heißt es, die Leipziger Börse sei eine "Vision", eine "Phantasie". Doch in Leipzig und Dresden sind bereits Delegationen der Großbanken vorstellig geworden, um den Sachsen ihre Idee auszureden. Freilich: Der Einfluß Frankfurts ist beschränkt. Über die Einrichtung einer Börse entscheidet allein die Landesregierung. Zudem müssen die Großbanken offenbar erst einmal in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, die Chefs ihrer sächsischen Dependancen kungelten insgeheim mit den Bürokraten im dortigen Wirtschafts- und Finanzministerium und hätten ihre Unterstützung für die Börsengründung schon zugesagt.

Die Großbanken möchten am liebsten alle deutschen Börsengeschäfte auf Frankfurt konzentrieren. Und auch Daimler-Benz-Vorstand Gerhard Liener, zuständig für Finanzen und Marketing, sprach sich schon vor rund einem Jahr für eine weitere Zentralisierung der Börsen aus. Der Handel an den Regionalbörsen sei sinnlos, die Umsatzvolumen zu klein, es werde Geld verschwendet. Die Aussicht, nun auch noch an einer neunten Börse die Zulassung von Aktien beantragen – und bezahlen – zu müssen, wird auch von anderen Unternehmen harsch abgelehnt: "Unsinn", "überflüssig", "Quatsch".